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Die Rebellion
proză [ ]
I-IX

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de [Joseph_Roth ]

2014-05-20  | [Acest text ar trebui citit în deutsch]    |  Înscris în bibliotecă de miron stefan



I
Die Baracken des Kriegsspitals Numero XXIV lagen am Rande der Stadt. Von der Endstation der Straßenbahn bis zum Krankenhaus hätte ein Gesunder eine halbe Stunde rüstig wandern müssen. Die Straßenbahn führte in die Welt, in die große Stadt, in das Leben. Aber die Insassen des Kriegsspitals Numero XXIV konnten die Endstation der Straßenbahn nicht erreichen.
Sie waren blind oder lahm. Sie hinkten. Sie hatten ein zerschossenes Rückgrat. Sie erwarteten eine Amputation oder waren bereits amputiert. Weit hinter ihnen lag der Krieg. Vergessen hatten sie die Abrichtung; den Feldwebel; den Herrn Hauptmann; die Marschkompanie; den Feldprediger; Kaisers Geburtstag; die Menage; den Schützengraben; den Sturm. Ihr Frieden mit dem Feind war besiegelt. Sie rüsteten schon zu einem neuen Krieg; gegen die Schmerzen; gegen die Prothesen; gegen die lahmen Gliedmaßen; gegen die krummen Rücken; gegen die Nächte ohne Schlaf; und gegen die Gesunden.
Nur Andreas Pum war mit dem Lauf der Dinge zufrieden. Er hatte ein Bein verloren und eine Auszeichnung bekommen. Viele besaßen keine Auszeichnung, obwohl sie mehr als nur ein Bein verloren hatten. Sie waren arm- und beinlos. Oder sie mußten immer im Bett liegen, weil ihr Rückenmark kaputt war. Andreas Pum freute sich, wenn er die anderen leiden sah.
Er glaubte an einen gerechten Gott. Dieser verteilte Rückenmarkschüsse, Amputationen, aber auch Auszeichnungen nach Verdienst. Bedachte man es recht, so war der Verlust eines Beines nicht sehr schlimm und das Glück, eine Auszeichnung erhalten zu haben, ein großes. Ein Invalider durfte auf die Achtung der Welt rechnen. Ein ausgezeichneter Invalider auf die der Regierung.
Die Regierung ist etwas, das über den Menschen liegt, wie der Himmel über der Erde. Was von ihr kommt, kann gut oder böse sein, aber immer ist es groß und übermächtig, unerforscht und unerforschbar, wenn auch manchmal für gewöhnliche Menschen verständlich.
Es gibt Kameraden, die auf die Regierung schimpfen. Ihrer Meinung nach geschieht ihnen immer Unrecht. Als ob der Krieg nicht eine Notwendigkeit wäre! Als ob seine Folgen nicht selbstverständlich Schmerzen, Amputationen, Hunger und Not sein müßten! Was wollten sie? Sie hatten keinen Gott, keinen Kaiser, kein Vaterland. Sie waren wohl Heiden. »Heiden« ist der beste Ausdruck für Leute, die sich gegen alles wehren, was von der Regierung kommt.
Es war ein warmer Sonntag im April, Andreas Pum saß auf einer der rohgezimmerten weißen Holzbänke, die mitten im Rasen vor den Baracken des Spitals aufgestellt waren. Fast auf jeder Bank saßen zwei und drei Rekonvaleszente zusammen und sprachen. Nur Andreas saß allein und freute sich über die Bezeichnung, die er für seine Kameraden gefunden hatte.
Sie waren Heiden, wie zum Beispiel Leute, die wegen falscher Eide und wegen Diebstahls, Totschlags, Mordes oder gar Raubmordes im Zuchthaus saßen. Warum stahlen die Leute, töteten, raubten, desertierten sie? Weil sie Heiden waren.
Wenn jemand in diesem Augenblick Andreas gefragt hätte, was die Heiden sind, so hätte er geantwortet: zum Beispiel Menschen, die im Gefängnis sitzen, oder auch jene, die man zufällig noch nicht erwischt hat. Andreas Pum war sehr froh, daß ihm die »Heiden« eingefallen waren. Das Wort genügte ihm, es befriedigte seine kreisenden Fragen und gab Antwort auf viele Rätsel. Es enthob ihn der Verpflichtung, weiter nachdenken und sich mit der Erforschung der anderen abquälen zu müssen. Andreas freute sich über das Wort. Zugleich verlieh es ihm das Gefühl der Überlegenheit über die Kameraden, die auf den Bänken saßen und schwatzten. Sie hatten zum Teil schwerere Wunden und keine Auszeichnungen. Geschah ihnen nicht recht? Weshalb schimpften sie? Warum waren sie unzufrieden? Fürchteten sie um ihre Zukunft? Wenn sie weiter in ihrem Trotz verharrten, dann hatten sie wohl recht, um ihre Zukunft bang zu sein. Sie schaufelten sich ja selbst ihre Gräber! Wie sollte sich die Regierung ihrer Feinde annehmen? Ihn, Andreas Pum dagegen, wird sie schon versorgen.
Und während die Sonne schnell und sicher am wolkenlosen Himmel ihrem Höhepunkt zustrebte und immer glühender und fast schon sommerlich wurde, dachte Andreas Pum an die nächsten Jahre seines Lebens. Die Regierung hat ihm einen kleinen Briefmarkenverschleiß übergeben oder eine Wächterstelle in einem schattigen Park, oder in einem kühlen Museum. Da sitzt er nun mit seinem Kreuz auf der Brust, Soldaten grüßen ihn, ein etwa vorbeigehender General klopft ihm auf die Schulter, und die Kinder fürchten sich vor ihm. Er aber tut ihnen nichts zuleide, er gibt nur acht, daß sie nicht auf den Rasen springen. Oder die Leute, die ins Museum kommen, kaufen bei ihm Kataloge und Künstlerkarten und betrachten ihn dennoch nicht als einen gewöhnlichen Händler, sondern als eine Amtsperson. Vielleicht findet sich auch noch eine Witwe, kinderlos oder mit einem Kind, oder ein älteres Mädchen. Ein gutversorgter Invalider mit einer Pension ist keine schlechte Partie, und Männer sind nach dem Krieg sehr gesucht.
Der helle Klang einer Glocke hüpfte über den Rasen vor den Baracken und verkündete das Mittagessen. Die Invaliden erhoben sich schwer und wankten, aufeinander gestützt, der großen, langgestreckten hölzernen Speisebaracke entgegen. Andreas hob mit eiliger Beflissenheit seine heruntergefallene Krücke auf und humpelte munter hinter den Kameraden, um sie zu überholen. Er glaubte nicht recht an ihre Schmerzen. Auch er mußte leiden. Und dennoch – seht – wie flink er sein kann, wenn ihn die Glocke ruft!
Selbstverständlich überholt er die Lahmen, die Blinden, die Männer mit den krummen Wirbelsäulen, deren Rücken so gebückt ist, daß er einen parallelen Strich zur Erde bildet, auf der sie gehen. Hinter Andreas Pum rufen sie her, aber er wird sie nicht hören.
Es gab wieder Hafergrütze, wie jeden Sonntag. Die Kranken wiederholten, was sie alle Sonntage zu sagen gewohnt waren: Hafergrütze ist langweilig. Andreas aber fand sie gar nicht langweilig. Er hob den Teller an die Lippen und trank den Rest, nach dem er ein paarmal mit dem Löffel vergeblich gefischt hatte. Die anderen sahen ihm zu und folgten zaghaft seinem Beispiel. Er hielt den Teller lange vor dem Mund und schielte über den Rand nach den Kameraden. Er stellte fest, daß ihnen die Suppe schmeckte und daß ihre Reden Prahlerei und Übermut gewesen waren. Sie sind Heiden! – frohlockte Andreas und setzte den Teller ab.
Das Dörrgemüse, das die anderen »Drahtverhau« nannten, schmeckte ihm weniger. Dennoch leerte er den Teller. Er hatte dann das befriedigende Gefühl, eine Pflicht erfüllt zu haben, wie wenn er ein rostiges Gewehr blank geputzt hätte. Er bedauerte, daß kein Unteroffizier kam, um die Geschirre zu kontrollieren. Sein Teller war sauber, wie sein Gewissen. Ein Sonnenstrahl fiel auf das Porzellan, und es glänzte. Das nahm sich aus wie ein offizielles Lob des Himmels.
Am Nachmittag kam die längst angekündigte Prinzessin Mathilde in einer Krankenschwestertracht. Andreas, der in seiner Abteilung das Zimmerkommando führte, stand stramm an der Tür. Die Prinzessin gab ihm die Hand, und er verneigte sich, wider Willen, obwohl er sich vorgenommen hatte, stramm zu bleiben. Seine Krücke fiel zu Boden, die Begleiterin der Prinzessin Mathilde bückte sich und hob sie auf.
Die Prinzessin ging, hinter ihr die Oberschwester, der Oberarzt und der Priester. »Alte Nutte!« sagte ein Mann von der zweiten Bettreihe. »Unverschämt!« schrie Andreas. Die anderen lachten. Andreas wurde zornig. Er befahl: Betten in Ordnung bringen, obwohl alle Decken sauber und vorschriftsmäßig dreimal gefaltet waren. Niemand rührte sich. Einige begannen, ihre Pfeifen zu stopfen.
Da kam der Gefreite Lang, ein Ingenieur, dem der rechte Arm fehlte und vor dem auch Andreas Respekt hatte, und sagte: »Reg dich nicht auf, Andreas, wir sind ja alle arme Teufel!«
Es wurde sehr still in der Baracke; alle sahen den Ingenieur an, Lang stand vor Andreas und sprach. Man wußte nicht, ob er zu Andreas oder zu den anderen oder auch nur für sich selbst sprach. Er blickte zum Fenster hinaus und sagte: »Die Prinzessin Mathilde wird jetzt sehr zufrieden sein. Auch sie hat einen schweren Tag hinter sich. Sie besucht jeden Sonntag vier Krankenhäuser. Denn es gibt, müßt ihr wissen, schon mehr Krankenhäuser als Prinzessinnen und mehr Kranke als Gesunde. Auch die scheinbar Gesunden sind krank, viele wissen es nur nicht. Vielleicht machen sie bald Frieden.«
Einige räusperten sich. Der Mann in der zweiten Bettreihe, der vorher »alte Nutte« gesagt hatte, hustete laut. Andreas humpelte zu seinem Bett, nahm vom Kopfbrett eine Schachtel Zigaretten und rief den Ingenieur herbei. »Gute Zigarette, Herr Doktor!« sagte Andreas. Er nannte den Ingenieur »Doktor«.
Lang sprach wie ein Heide, aber auch wie ein Geistlicher. Vielleicht, weil er so gebildet war. Aber immer hatte er recht. Man hatte Lust, ihm zu widersprechen, und fand keine Argumente. Er mußte recht haben, wenn man ihm nicht widersprechen konnte.
Am Abend lag der Ingenieur auf dem Bett in Kleidern und sagte: »Wenn die Grenzen wieder offen sind, fahre ich weit weg. Es wird nichts mehr zu holen sein in Europa.«
»Wenn wir nur den Krieg gewinnen«, sagte Andreas.
»Alle werden ihn verlieren«, erwiderte der Ingenieur. Andreas Pum verstand es nicht, aber er nickte achtungsvoll, als müßte er dem Lang recht geben.
Indessen nahm er sich vor, im Lande zu bleiben und künstlerische Postkarten in einem Museum zu verkaufen. Er sah ja ein, daß für Gebildete vielleicht kein Platz war. Sollte der Ingenieur etwa Parkwächter werden?
Andreas hatte keine Angehörigen. Wenn andere Besuche empfingen, ging er hinaus und las ein Buch aus der Spitalsbibliothek. Er war oft nahe daran gewesen zu heiraten. Aber die Furcht, daß er zu wenig verdiente, um eine Familie zu erhalten, hatte ihn gehindert, um Anny, die Köchin, die Näherin Amalie, das Kindermädchen Poldi anzuhalten.
Er war mit allen drei nur »gegangen«. Sein Beruf war allerdings auch nicht für junge Frauen. Andreas war Nachtwächter in einem Holzlager außerhalb der Stadt und nur einmal in der Woche frei. Seine eifersüchtige Natur hätte ihm die ruhige Freude am gewissenhaft ausgeführten Dienst gestört oder diesen ganz unmöglich gemacht.
Einige schliefen und schnarchten. Der Ingenieur Lang las. »Soll ich abdrehen?« fragte Andreas.
»Ja«, sagte der Ingenieur und legte das Buch weg.
»Gute Nacht, Doktor«, erwiderte Andreas. Er knipste das Licht ab. Er zog sich im Dunkeln aus. Seine Krücke lehnte an der Wand zur rechten Seite.
Andreas denkt, ehe er einschläft, an die Prothese, die ihm der Oberarzt versprochen hat. Es wird eine tadellose Prothese sein, wie sie der Hauptmann Hainigl trägt. Man merkt gar nicht, daß ihm ein Bein fehlt. Der Hauptmann geht frei, ohne Stock durchs Zimmer, als hätte er nur ein kürzeres Bein. Die Prothesen sind eine großartige Erfindung der hohen Herren, der Regierung, die es sich wirklich etwas kosten läßt. Das muß man sagen.

II
Die Prothese kam nicht. Statt ihrer kam die Unordnung, der Untergang, die Revolution. Andreas Pum beruhigte sich erst zwei Wochen später, nachdem er aus den Zeitungen, den Vorgängen, den Reden der Menschen entnommen hatte, daß auch in Republiken Regierungen über die Schicksale des Landes walteten. In den großen Städten schoß man auf die Empörer. Die heidnischen Spartakisten gaben keine Ruhe. Wahrscheinlich wollten sie die Regierung abschaffen. Sie wußten nicht, was dann folgen würde. Sie waren schlecht oder töricht, sie wurden erschossen, es geschah ihnen recht. Gewöhnliche Menschen sollen sich nicht in die Angelegenheiten der Klugen mischen.
Man erwartete eine ärztliche Kommission. Sie hatte über den Bestand des Spitals, über die Arbeitsunfähigkeit, über die Versorgung seiner Insassen zu entscheiden. Das Gerücht, aus anderen Krankenhäusern herüberflatternd, wollte wissen, daß nur die Zitterer bleiben würden. Alle anderen bekamen Geld und vielleicht eine Drehorgellizenz. Von einem Briefmarkenverschleiß, einer Wächterstelle in einem Park, in einem Museum könne keine Rede sein.
Andreas begann zu bedauern, daß er kein Zitterer war. Von den hundertsechsundfünfzig Kranken des Kriegsspitals Numero XXIV zitterte nur einer. Alle beneideten ihn. Er war ein Schmied, namens Bossi, italienischer Abkunft, schwarz, breitschultrig, finster. Sein Haar wuchs schwer über den Augen und drohte, sich über das ganze Angesicht auszubreiten, die schmale Stirn zu überwuchern und, die Wangen bedeckend, eine Vereinigung mit dem wilden Bart zu finden.
Bossis Krankheit milderte nicht die furchtbare Wirkung seiner körperlichen Gewalt, sondern vergrößerte seine Unheimlichkeit. Die schmale Stirn faltete sich und verschwand zwischen den buschigen Augenbrauen und dem Haaransatz. So traten die grünen Augen hervor, der Bart bebte, man hörte die Zähne klappern. Die mächtigen Beine krümmten sich, daß sich die Kniescheiben innen bald berührten und bald auseinanderstrebten, und die Schultern zuckten empor und fielen zurück, während der wuchtige Kopf in einem ständigen leisen, verneinenden Schütteln verharrte, wie man es bei kraftlosen Häuptern alter Frauen sieht. Die ununterbrochenen Bewegungen des Körpers hinderten den Schmied, deutlich zu sprechen. Er sprudelte halbe Sätze hervor, spuckte ein Wort aus, blieb eine Weile stumm und setzte wieder an. Daß ein so kräftiger, wilder Mann zittern mußte, ließ die allgemein bekannte Krankheit furchtbarer erscheinen, als sie war. Eine große Traurigkeit befiel jeden, der den zitternden Schmied sah. Er war wie ein schwankender Koloß auf unsicherm Grunde. Er hielt alle in der Erwartung seines bald erfolgenden Zusammenbruchs und brach dennoch nicht nieder. Unglaubhaft war, daß ein Mann von solchen Ausmaßen beständig wankte, ohne, sich selbst und seine Umgebung erlösend, endgültig auseinanderzustürzen. Sogar die unglücklichsten Invaliden, die ein zerschossenes Rückgrat hatten, gerieten in Bossis Nähe in eine unübersichtlich endlose Furcht, wie man sie vor Katastrophen empfindet, die nicht eintreffen wollen und deren Ausbruch eine Erlösung wäre.
Wer ihn sah, fühlte die Notwendigkeit, ihm beizustehen, und die Ohnmacht zugleich. Schmerzlich war die Erkenntnis, daß man ihm nicht helfen konnte, und beschämend. Aus Scham hätte man selbst zittern mögen. Die Krankheit übertrug sich auf den Betrachter. Schließlich zog man sich zurück, entwich, und konnte dennoch das Bild des zitternden Riesen nicht vergessen.
Drei Tage vor der Ankunft der Kommission begab sich Andreas in die Baracke Bossis, den er immer gemieden hatte. Zwanzig Lahme und Einbeinige waren um den Schmied versammelt und sahen ihm in einer leidenschaftlichen Stille zu. Vielleicht hofften sie auf die ansteckende Wirkung des Zitterns. Jedenfalls verspürte bald der eine und bald ein anderer ein heftiges Zucken in Knien, Ellenbogen und Handgelenken. Sie gestanden es einander nicht. Einzelne schlichen davon und probierten zu zittern, wenn sie einen Augenblick allein waren.
Der mißtrauische Andreas, der Bossi aus ganz unbestimmten Gründen nicht leiden mochte, zweifelte zuerst an der Krankheit. Neid erfaßte ihn und zum erstenmal Bitterkeit gegen die Regierung, die just Zitterer belohnen wollte und keine andern. Zum erstenmal durchdrang ihn eine Erkenntnis von der Ungerechtigkeit derjenigen, die zu befehlen und zu bestimmen hatten. Plötzlich fühlte er, daß seine Muskeln zuckten, sein Mund sich verschob, sein rechtes Augenlid zu flackern begann. Ein freudiger Schrecken überfiel ihn. Er humpelte davon. Seine Muskeln beruhigten sich. Sein Augenlid flackerte nicht mehr.
Er schlief nicht ein. Im Finstern kleidete er sich an, und ohne Krücken, um die Schlafenden nicht zu wecken, die Hände auf den Kopf des Bettes und auf den Tisch stützend, schwang er sein Bein zum Fenster und ließ den Oberkörper nachfolgen. Er sah ein Stück der nächtlichen Wiese und das schimmernde, weiß gestrichene Gitter. Länger als eine Stunde stand er so und dachte an einen Leierkasten.
Es ist ein heller Sommernachmittag. Andreas steht im Hof eines großen Hauses, im Schatten eines alten, breiten Baumes. Es mag eine Linde sein. Andreas dreht die Kurbel seines Kastens und spielt: »Ich hatt' einen Kameraden«. Oder: »Draußen vor dem Tore« oder die Nationalhymne. Er ist in Uniform. Er trägt sein Kreuz. Aus allen offenen Fenstern fliegen Münzen, in Seidenpapier eingewickelte. Man hört den gedämpften Metallklang des fallenden Geldes. Kinder sind da. Dienstmädchen lehnen über die Fensterbrüstungen. Sie achten der Gefahr nicht. Andreas spielt.
Der Mond kam über den Rand des Waldes, der vor den Baracken lag. Es wurde hell. Andreas fürchtete, seine Kameraden könnten ihn entdecken. Er wollte nicht mitten in der fahlen Helle stehen. Er schwang sich wieder ins Bett.
Zwei Tage lebte er still und versonnen.
Die Kommission kam. Jeder wurde einzeln hereingerufen. Ein Mann stand an der Portiere, welche die Kommission vor den Augen der wartenden Invaliden verbarg. Der Mann schlug jedesmal die Portiere zurück und warf einen Namen hinaus. Jedesmal löste sich ein gebrechlicher Körper aus der Reihe der anderen, schwankte, humpelte, polterte und verschwand hinter dem Vorhang.
Die gemusterten Invaliden kamen nicht mehr zurück. Sie mußten den Saal durch einen anderen Ausgang verlassen. Sie bekamen einen Zettel und gingen dann in ihre Baracken, packten ihre Sachen und krochen zur Endstation der Straßenbahn.
Andreas wartete unter den anderen, er beteiligte sich nicht an ihrer geflüsterten Unterhaltung. Er schwieg, wie einer, der sich nicht verraten will und der in der Furcht lebt, eine kleine Äußerung könnte ihn verleiten, sein ganzes großes Geheimnis herzugeben.
Der Mann schob den Vorhang zurück und warf den Namen Andreas Pum in den Saal. Einigemal pochte Andreas Pums Krücke auf den Boden und widerhallte in der eingetretenen Stille.
Plötzlich begann Andreas zu zittern. Er sah den Vorsitzenden der Kommission, einen hohen Offizier mit goldenem Kragen und blondem Bart. Bart, Antlitz und Uniformkragen vermischten sich zu einer Masse aus Gold und Weiß. Jemand sagte: »Noch ein Zitterer.« Die Krücken in Andreas' Hand begannen selbständig über den Boden zu hüpfen. Zwei Schreiber sprangen auf und stützten Andreas.
»Lizenz!« befahl die Stimme des hohen Offiziers. Die Schreiber drückten Andreas auf einen Stuhl und eilten an ihre Arbeit. Schon saßen sie gebeugt über raschelnden Papieren, und ihre Federn tanzten.
Dann hielt Andreas ein Bündel Papiere in der zappelnden Hand und humpelte zur Tür hinaus.
Als er seine Sachen zu packen anfing, verließ ihn das Zittern. Er dachte nur: Ein Wunder ist geschehen! Ein Wunder ist geschehen!
Er wartete im Klosett, bis alle Kameraden verschwunden waren. Dann zählte er sein Geld.
In der Straßenbahn machten ihm die Leute Platz. Er wählte den besten der ihm angebotenen Plätze. Er saß gegenüber dem Eingang, neben ihm lag seine Krücke, quer über die Mitte des Wagens, wie ein Grenzpfahl. Alle sahen Andreas an.
Er fuhr in das Hospiz, das ihm bekannt war.
III
Der Leierkasten stammt aus der Drehorgelfabrik Dreccoli & Co. Er hat die Form eines Würfels und ruht auf einem hölzernen Gestell, das man zusammenklappen und tragen kann. An zwei Riemen trägt Andreas seinen Kasten auf dem Rücken, wie einen Tornister. An der linken Seitenwand des Instruments befinden sich nicht weniger als acht Schrauben. Mit ihrer Hilfe bestimmt man die Melodien. Acht Walzen enthält der Kasten, darunter die Nationalhymne und die »Lorelei«.
Andreas Pum hat seine Lizenz in einer Brieftasche, die eigentlich einmal der Ledereinband eines Notizbuches war und sich zufällig in einem Misthaufen gefunden hat, an dem Andreas täglich vorbeigeht. Mit der Lizenz in der Tasche wandelt der Mensch sicher durch die Straßen dieser Welt, in denen die Polizisten lauern. Man scheut keine Gefahr, ja, man kennt keine. Die Anzeige des brotneidischen bösen Nachbarn brauchen wir nicht zu beachten. Auf einer Postkarte teilen wir der Behörde mit, worum es sich handelt. Wir schreiben knapp und sachlich. Wir sind sozusagen der Behörde gleichgestellt, dank unserer Lizenz. Wir sind von der Regierung ermächtigt, zu spielen, wo und wann es uns gefällt. Wir dürfen an den belebten Straßenecken unsern Kasten aufstellen. Selbstverständlich kommt nach fünf Minuten die Polizei. Lassen wir sie ruhig herankommen! Mitten in einem Kreis gespannt zusehender Leute ziehen wir unsere Lizenz hervor. Die Polizei salutiert. Wir spielen weiter, was uns gerade in den Sinn kommt: »Mädchen, weine nicht!« – und »Schwarzbraunes Mägdlein!« – und »An der Quelle saß der Knabe!« – Für ein mondänes Publikum haben wir einen Walzer aus der vorjährigen Operette.
Andreas kann, je nach seiner Stimmung, die Kurbel so schnell drehen, daß der Walzer flott und kriegerisch wird wie ein Marsch. Denn er selbst hat manchmal ein Bedürfnis nach einer Marschmelodie, besonders an kühlen und trüben Tagen, wenn sich der Regen durch Schmerzen in der Gegend des amputierten Beins ankündigt. Das längst begrabene Bein tut ihm weh. Die Stelle am Knie, an der es abgesägt wurde, läuft blau an. Das Kissen in der Kniehöhlung der hölzernen Krücke ist nicht mehr weich genug. Es ist mit Roßhaaren gefüttert und schon durchgetreten. Es müßte mit Daunen gefüttert sein, oder mit Pelz. An solchen Tagen muß Andreas einige Taschentücher, in die Kniehöhlung der Krücke legen. Sie sind kein richtiger Ersatz.
Die Schmerzen verschwanden, sobald der Regen kam. An Regentagen aber konnte Andreas nicht viel verdienen. Das Wachstuch, einst glänzend, hart und wasserdicht, war an einzelnen Stelle gesprungen, Risse durchzogen seine Fläche und bildeten eine Art Landkarte. Gelang es dem Regen, was Gott bis jetzt verhütet hatte, durch die Hülle in das edle Holz und durch dieses in das Innere des Instruments zu dringen, so waren die Walzen verloren.
Andreas stand, wenn es regnete, stundenlang in einem jener freundlichen Hausflure, in denen das »Betteln und Hausieren« nicht verboten war, in denen kein scharfer Hund wachte und kein knurriger Hausbesorger oder gar dessen Frau die Heiligkeit des Hauseinganges hüteten. Denn mit dem weiblichen Geschlecht hatte Andreas unangenehme Erfahrungen gemacht. Sie hinderten ihn nicht, von der grausamen Süße einer vorläufig noch ganz unbestimmten Frauenhand zu träumen, die man sein eigen nennen könnte. Andreas besaß keinen alltäglichen Geschmack: je bissiger der Fluch einer Frau war, die ihn zur Flucht veranlaßte, je schneidender der Klang ihrer Stimme, je drohender die Haltung ihrer Gestalt, desto besser gefiel sie ihm. Und während er der ungastlichen Pförtnerin den Rücken kehrte, entzückte ihn ihre Weiblichkeit in dem Maße, in dem ihn der unerwartete Verdienstentgang enttäuschte. Abenteuer dieser Art bestand Andreas oft. Es waren seine einzigen Erlebnisse. Sie beschäftigten seine Nächte, schufen ihm Traumbilder von wehrhaften Frauen, und die Gedanken an sie begleiteten, wie ein malerischer Text, die seriösen unter den Melodien seines Leierkastens. Es kam so, daß er sein Instrument nicht wie ein mechanisches und sein Spiel als ein Virtuosentum betrachtete. Denn die Sehnsucht, die Bangigkeit, die Trauer seiner Seele legte er in die Hand, welche die Kurbel drehte, und er glaubte, nach Wunsch und Stimmung, stärker und leiser, gefühlvoller oder kriegerischer spielen zu können. Er begann sein Instrument zu lieben, mit dem er eine Zwiesprache hielt, die nur er selbst verstand. Andreas Pum war ein echter Musikant.
Wollte er sich zerstreuen, so betrachtete er die bunte Malerei auf der Rückwand des Leierkastens. Das Bild stellte die Szenerie eines Puppentheaters dar und einen Teil eines Stehparketts. Blonde und schwarze Kinder spähten in die Richtung der Bühne, auf der sich spannende Ereignisse vollzogen. Eine grau- und wirrhaarige Hexe hielt eine Zaubergabel in der Hand. Vor ihr standen zwei Kinder, auf deren Köpfen Geweihe wuchsen. Über den Kindern weidete eine Hirschkuh. Es war kein Zweifel, daß dieses Bild eine Verzauberung menschlicher Wesen durch ein böses Weib darstellen sollte. Andreas hatte niemals an die Möglichkeit solcher Ereignisse in der wirklichen Welt gedacht. Weil er aber das Bildnis häufig betrachten mußte, wurde es ihm vertraut und glaubhaft wie irgendein anderer täglich genossener Anblick. Es war fast nichts mehr Märchenhaftes an solch einer Verzauberung. Wunderbarer als der Vorgang selbst waren die bunten Farben, in denen er dargestellt erschien. Andreas' Augen tranken die ölige Sattheit dieser Farben, und es berauschte sich seine Seele an der klangvollen Harmonie, mit der ein blutendes Rot in ein sehnsüchtiges Orange des Abendhimmels im Hintergrund verfloß.
Zeit zu solchen Betrachtungen hatte er zu Hause genug. Allerdings war sein Heim nicht eines jener Art, in dem der Mensch etwa den ganzen Tag verweilen kann. Es bestand vielmehr aus einer Bettstelle in einem, wie es Andreas vorkam, geräumigen Zimmer. In diesem schliefen außer Andreas noch ein Mädchen und ihr Freund. Sie hieß Klara und er Willi. Sie war stellvertretende Kassierin in einem kleinen Kaffeehaus und er ein arbeitsloser Metalldreher. Willi arbeitete nur einmal in der Woche und auch dann nicht in seinem Berufe. Er führte einen Handwagen durch die Straßen, um Zeitungspapier einzukaufen. Am Abend brachte er seine Waren dem Althändler. Von jedem Pfund erhielt Willi ein Drittel. Denn auch das geringe Betriebskapital lieh ihm der Althändler. Es war klar, daß Willi von seinen Einnahmen nicht leben konnte. Er lebte von Klara. Sie hatte Nebenverdienste. Er war eifersüchtig. Aber in der Nacht, wenn sie sich beide unter der dünnen Decke fanden, suchte er zu vergessen, wovon er lebte, und es gelang ihm. Am nächsten Morgen blieb er liegen, wenn Klara und Andreas längst aufgestanden waren. Er blieb den ganzen Tag zu Hause und ließ Andreas nicht vor dem Anbruch der Nacht ins Zimmer. Das begründete er immer mit dem Wort: »Ordnung muß sein!« Denn er war weit davon entfernt, Andreas, den Krüppel, etwa zu hassen. Er liebte die Ordnung. Andreas Pum hatte eine Schlafstelle, aber keine Wohnung. Es ist so in der Welt eingerichtet, daß jeder nur das genießen darf, was er bezahlen kann.
Auch Andreas war mit dieser Ordnung zufrieden und kam pünktlich nach Anbruch der Dämmerung. Er kochte Tee auf einer Spiritusmaschine. Willi trank den in einem Wasserglas verdünnten Spiritus, Andreas den Tee. Er aß dazu ein Brot. Willi lieferte manchmal die Wurst. Denn es ereignete sich nicht selten, daß Willi, wenn er an angenehmen Tagen einen Spaziergang unternahm, sich vor das Delikatessenhaus begab, an dessen Tür die prallen Würste wie Gehenkte an einem Nagel hingen. Mehr aus Übermut als aus Lust am Diebstahl schnitt Willi dann zwei oder drei Würste ab. Ihn lockten Gefahren und Freude an der eigenen Geschicklichkeit. Man hätte es außerdem als Sünde bezeichnen können, wenn er das Angebot des Schicksals ausgeschlagen hätte. Andreas ahnte etwas von der Herkunft dieser Würste. Einmal fragte er, woher sie stammten. »Iß und schweig«, sagte Willi, »Ordnung muß sein.«
Es verstieß glücklicherweise nicht gegen die Ordnung, wenn sich Andreas, während er sein Abendessen verdaute, der Betrachtung der Malereien am Leierkasten hingab. Die unvollendete Verzauberung, welche das Bild darstellte, zwang zu Fortsetzungen. Andreas hätte gerne weiter gemalt. Er hätte auch die zwei noch in menschlicher Gestalt lebenden Kinder in Hirschkühe verwandelt, oder in andere Tiere. Es ergaben sich viele Möglichkeiten. Konnte man Kinder nicht in Ratten verwandeln? Huh! Ratten! Oder in Katzen; in junge Löwen; in kleine niedliche Krokodile; in Eidechsen; in Bienen; in Vögel – Tirili! In Vögel. Ein guter Maler, der mit Pinsel und Farben umzugehen verstand, könnte das Bild fortsetzen.
Kurz nach Mitternacht kam Klara. Sie entkleidete sich. Andreas ließ eine Augenlidspalte offen und sah sie im Hemd. Sein Blick angelte nach ihrer freien Brust, und sein Herz klopfte in der Hoffnung, ein Schulterband würde sich lösen. Dann hörte er Küsse und Umarmungen und schlief ein, von kräftigen, breithüftigen Witwen mit vorgewölbten Busen träumend.
Ach, er sehnte sich nach einem Weibe und einem eigenen Zimmer und einem breiten Ehebett voll schwellender Wärme. Denn weit vorgeschritten war der Sommer und ließ die Grausamkeit des Winters ahnen. Allein stand Andreas in der Welt. Den letzten Winter hatte er noch im Spital verlebt. Jetzt drohte die winterliche Straße und erhob sich manchmal vor ihm, steil geneigt, wie eine Rodelbahn. Unser Feind ist die Straße. In Wirklichkeit ist sie so, wie sie uns erscheint, steil und eine schiefe Ebene. Wir merken es nur nicht, wenn wir sie durchschreiten. Aber im Winter – man liest es in den Zeitungen – vergessen die Portiers und die Ladendiener, dieselben, die uns aus den Häusern und Höfen treiben und deren scheltende Worte uns verfolgen, Asche oder Sand auf das Glatteis zu streuen, und wir stürzen, von der Kälte der Beweglichkeit unserer Glieder beraubt.
Andreas hätte gerne bis zum Winter eine Frau gehabt, eine jener wehrhaften, starken und streitbaren Portiersfrauen, vor denen er fliehen mußte und deren imposante Stellung er stets dennoch ahnte: er sah sie die Hände in die Hüften stemmen, so daß diese hervorquollen und das Hinterteil sich straffte, massig und weiß unter den Röcken. Solch ein Weib sein eigen nennen – das gab Kraft, gab Mut und Sicherheit und machte den Winter zum Kinderspiel.
Früh schon weckte ihn der Fluch Willis, den die aufstehende Klara im besten Morgenschlaf gestört hatte. Dann betrat Andreas die morgendliche Straße und hinkte eilig mit den Eilenden, als riefe ihn nicht die freie Lust, in einem beliebigen Hof zu spielen, sondern die Notwendigkeit, einen ganz bestimmten, weitabgelegenen zu erreichen. Er hatte auch die Stadt nach Bezirken geordnet und eingeteilt, ganz willkürlich, nach seinen privaten Zwecken, und jedem Tag einen eigenen Bezirk zugedacht. So kam er in immer neue Gegenden, forschend und neugierig, hinkte furchtlos über den glatten Asphalt weiter Straßen und war vorsichtig, hielt heranfahrende Automobile mit seinem erhobenen Stock auf und fluchte hinter bedenkenlosen Chauffeuren. So lernte er die Straße besiegen, die gefährliche Straße, die unser aller Feind ist. Von ihr ließ er sich noch lange nicht unterdrücken. Er besaß die Lizenz. Eine Lizenz von der Regierung, zu spielen, wo und zu welcher Zeit immer es ihm behagte. Er besaß eine Krücke und eine Lizenz und eine Auszeichnung. Alle sahen, daß er invalid war, ein Soldat, der fürs Vaterland geblutet. Und es gab immer noch Achtung vor solchen Männern. Wehe, wenn man ihn nicht geachtet hätte!
Denn wie? erfüllte er nicht eine Pflicht, wenn er auf seinem Leierkasten musizierte? War die Lizenz, die ihm die Regierung gewissermaßen eigenhändig überreicht hatte, nicht eine Verpflichtung und keine Vergünstigung? Indem er spielte, enthob er sie der Sorge um ihn und befreite das Land von einer ständigen Steuer. Ja, es war kein Zweifel, daß seine Tätigkeit nur mit jener der Behörden zu vergleichen war und er selbst etwa mit einem Beamten; insbesondere, wenn er die Nationalhymne spielte.
IV
Es geschah in der Pestalozzistraße, an einem heißen Donnerstag und im Hof des Hauses Nummer 37 (der Kirche aus gelben Ziegelsteinen gegenüber, die, rings um sich, mitten in der Straße einen grünen Rasen geschaffen hatte, als hätte sie ihre Besonderheit vor allen anderen Häusern hervorheben wollen), daß Andreas Pum das Verlangen überwältigte, einen Marsch zu spielen, vielleicht, weil die wachsende Mattigkeit des Tages und Andreas' eigene eine aufrüttelnde Unterbrechung notwendig machten.
Andreas stellte den Wirbel an der linken Seitenwand des Leierkastens auf »Nationalhymne« und drehte die Kurbel so hurtig, daß die feierlichen Klänge ihre langsame Pracht verloren und hastig zu hüpfen begannen, die Pausen vergaßen und wirklich eine entfernte Ähnlichkeit mit der Melodie eines Marsches erreichten.
Fünf Kinder standen im Hof, und zwei Dienstmädchen lehnten ergriffen über die Fensterbrüstungen. Eine schwarzgekleidete Frau trat aus dem Hausflur, lenkte ihre männlichen, zielbewußten Schritte in die Richtung, in der sich Andreas befand und blieb hinter ihm stehen. Sie legte eine kräftige Hand auf die Schulter Andreas Pums und sagte: »Mein guter Gustav ist gestern selig geworden. Spielen Sie was Melancholisches!«
Andreas, obwohl nicht feige von Natur, erschrak dennoch ob der Überraschung, brach ab, so daß die Kurbel mit aufwärts ragendem Griff steckenblieb, und wandte sich um. Dabei tat es ihm leid, daß die starke und warme Hand zögernd, aber notgedrungen von seiner Schulter glitt. Er sah der Witwe in das gerötete Antlitz. Es gefiel ihm. Wenn er auch nicht Zeit genug fand, ihr Alter abzuschätzen, so durchströmte ihn doch plötzlich die Erkenntnis, daß die schwarzgekleidete blonde Frau eine Witwe in jenem Alter war, welches man »das beste« nennt. Aus dieser Einsicht zog Andreas vorläufig noch keine weiteren Schlüsse. Allein, eine dunkle Empfindung breitete sich in ihm aus, daß diese Frau zugleich in den Hof und in sein Leben getreten war. Es war ihm, als beginne es in seiner Seele zu dämmern.
»Mit dem größten Vergnügen«, sagte Andreas und vollzog eine leichte Verbeugung mit dem Kopfe. Als erforderte ein melancholisches Lied ganz besondere Vorbereitungen, schraubte er mit wichtiger Umständlichkeit den Nationalhymne-Wirbel ab, gab der Kurbel einen Schwung, daß ihr Handgriff hinunterglitt und der letzte noch steckengebliebene Ton dem Kasten entfloh, ähnlich einem unterdrückten und abgebrochenen Gähnen. Hierauf drehte Andreas den viertletzten Wirbel. Er hatte eine Sekunde lang zwischen der »Lorelei« und »An der Quelle saß der Knabe« geschwankt. Er entschied sich für die »Lorelei«, weil er annahm, daß dieses Lied der Witwe bekannt sein müsse.
Diese Annahme bestätigte sich. Die Witwe, die sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, um die melancholische Weise bequemer an ihrem Fenster zu genießen, begann zu singen. Sie bemühte sich, den Klängen des Instruments zuvorzukommen, so, als triebe sie die Ungeduld und der Ehrgeiz, sich und den Zuhörern zu beweisen, daß sie die Melodie auswendig kannte und gleichsam auf den Kasten nicht angewiesen war; während Andreas, im Gegensatz zu der Eile der Frau, eine ganz besondere Langsamkeit nötig befand und gemächliche Drehungen vollführte, um die Melancholie des Liedes deutlicher wirken zu lassen. Auch befand er sich selbst in jener Stimmung, die uns in entscheidenden Augenblicken unseres Lebens befällt und der wir gerne durch eine hervorragende Feierlichkeit nachzugeben gewohnt sind.
Nachdem er die »Lorelei« über eine Viertelstunde gedehnt hatte, kam die Witwe wieder in den Hof, Kuchen, Brot und eine Tüte mit Früchten in der Hand. Andreas dankte. Die Witwe sagte: »Mein Name ist Blumich, geborene Menz. Kommen Sie nach dem Leichenbegängnis wieder.« Andreas fand, daß es angemessen sei, ihr die Hand zu drücken. Er tat es, ihre geschlossene Faust mit seinen Fingern umspannend, und sagte: »Mein Beileid, Frau Blumich.«
An diesem Tage spielte er nicht mehr. Er begab sich zu einer Bank vor der Kirche, verzehrte den Kuchen und das Obst und verwahrte das Brot im Sack. Später als gewöhnlich kam er nach Hause. Willi hatte schon längst das Bedürfnis gefühlt, sich im Bett auszustrecken, und wartete nur noch aus Furcht, daß er einschlafen und später geweckt werden könnte, um aus dem Bett zu steigen und »dem Krüppel« die geschlossene Tür zu öffnen. Als Andreas das Zimmer betrat, erwiderte Willi den Gruß nicht. Das tat Andreas leid. Es war ein Tag, an dem er eine große Güte für Willi empfand. Er holte den Spirituskocher hervor, um seinen Tee zu bereiten. Willi ärgerte die Schweigsamkeit. Er hätte gerne mit Andreas gestritten. Deshalb sagte er: »Wenn du morgen wieder so spät kommst, zerschmettere ich deinen Kasten. Du mußt pünktlich kommen! Ordnung muß sein!« Andreas aber war gerade heute nicht leicht zu erzürnen. Er lächelte Willi an, legte das Brot auf den Tisch und sagte höflich, mit der Galanterie eines Mannes von Welt: »Bedienen Sie sich, Herr Willi.«
»Daß du mir aber pünktlich zu Hause bist!« sagte Willi und setzte sich an den Tisch. Eigentlich ein lustiger Bruder! dachte er und war bereits versöhnt. Er hatte noch eine Wurst vom letzten Spaziergang. Sie hing an einem Nagel über dem Bett. Sachte nahm er sie herab, brach sie in der Mitte entzwei und gab die Hälfte Andreas.
»Ich habe heute eine Frau kennengelernt«, drängte es Andreas zu sagen.
»Gratuliere!« sagte Willi.
»Eine Witwe, namens Blumich.«
»Jung?«
»Ja, jung.«
»Glückskind!«
»Ihr Mann ist gestern gestorben.«
»Und schon – ?«
»Nein!«
»Beeil dich, Freund! Witwen warten nicht lange!«
Dieses Wort merkte sich Andreas. Er war nicht gesonnen, Willi als einen hervorragenden Menschen zu schätzen, aber er gab zu, daß Leute dieses Schlages bessere Frauenkenner waren und eine Menge Erfahrungen gesammelt hatten. Vielleicht wäre es nützlich, ja sogar aus Schicklichkeitsgründen notwendig, am Leichenzug teilzunehmen? Vielleicht aber schickte es sich auch nicht wegen der Nachbarn – und auch der Frau Blumich war es gar nicht recht? Es schmerzte ihn fast, daß er ihren Vornamen nicht kannte. Er mußte sie in innigem Gedenken »Frau Blumich« nennen und fühlte, daß sie ihm längst keine Fremde mehr war. Je länger er an sie dachte, desto vertrauter war sie ihm. Kein Mensch auf Erden stand ihm so nahe wie sie. Niemandem glaubte er so nahe zu sein wie ihr, obwohl er keine Beweise dafür hatte. Denn war es nicht der Schmerz um den eben verlorenen Gatten gewesen, dem er, Andreas, ihre Bekanntschaft und ihre Freundlichkeit zu verdanken hatte? Vergaß eine Frau so leicht? Und – vermochte sie es, war sie noch wertvoll? Wer kannte die Frauen? Wer weiß, wie lange ihr Mann krank gewesen war, ein lebender Leichnam? Wie lange die Arme ihre natürliche Lebensfreude hatte hemmen müssen? Andreas wurde von Mitleid geschüttelt.
Auch heute ließ er eine Augenlidspalte offen, und sein Blick angelte nach der Brust des Mädchens. Aber kein Neid erfaßte ihn, sondern nur der Wunsch zu vergleichen. Jene kurzen Augenblicke im Hof hatten genügt, um ihm eine Vorstellung von der körperlichen Beschaffenheit der Frau Blumich zu vermitteln. Ach, sie war stämmig, und man sah, wie das knappe Kleid ihre widerspenstig strotzenden Brüste gleichsam im Kampf bändigen mußte; wie sich ihre Hüften breit und versprechend, kraftvoll und wollüstig gegen das Mieder stemmten; wie alles gesunde Fülle war und gar nichts überflüssig. Ein Strom von Leben und Lust kam aus ihren warmen Händen, und wie zwei kecke Wünsche waren ihre braunen, ein wenig rotgeweinten Augen.
War ein Mann wie Andreas einer solchen Frau ebenbürtig? Was gab er ihr? Gesund konnte man ihn wohl nennen, obwohl das fehlende Bein manchmal, vor den Regentagen, schmerzte. Das aber hing mit dem schlechten Leben zusammen. Er war stramm, er hatte breite Schultern, eine imponierend schmale und knöcherne Nase, schwellende Muskeln, dichtes braunes Haar und, wenn er nur wollte und sein Angesicht straffte, den kühnen Adlerblick eines Kriegsmannes, besonders, wenn der dunkle, noch lange nicht graue Schnurrbart nach beiden Enden hin flott gezogen war und mit Vaseline gefettet. Auch war er in Dingen der Liebe kein unerfahrener Knabe mehr, und gerade jetzt, nach langer Enthaltsamkeit, von vielversprechender Manneskraft gefüllt. Er war der Mann, eine anspruchsvolle Witwe zufriedenzustellen.
Mit diesen stolzen Gedanken schlief Andreas ein, mit ihnen wachte er auf. Zum erstenmal, nach langer Zeit, blickte er beim Ankleiden ausdauernd und peinlich genau in einen Spiegel, wie vor dem Appell in der Militärzeit. Das metallene Kreuz hauchte er an und rieb es am Ärmel blank, so daß es möglichst strahlend wurde. Dreimal setzte er den Kamm an, ehe er die gerade Linie des Scheitels gefunden hatte. Sein erster Weg führte in die Pestalozzistraße.
Unterwegs fiel ihm ein, daß er sich nicht oft genug rasieren ließ. An zwei Tagen in der Woche, Freitag und Dienstag, pflegte er die Lehrlingsschule der Barbiere aufzusuchen, wo die Lehrlinge schmerzhaft, aber umsonst die Bärte kratzten. Diese Lehrlingsschule sowie die Übung, sich nur zweimal wöchentlich rasieren zu lassen, erschienen Andreas unwürdig eines Mannes, der gesonnen war, dauernden und erfolgreichen Eindruck auf eine schmucke Witwe zu machen. Und jener siegreiche Leichtsinn, dem wir selig unterliegen, wenn wir einer Eroberung sicher sind, ergriff auch Andreas Pum gewaltsam und ward stärker als seine sonst so wachsame Besonnenheit. Andreas begab sich in eine Barbierstube, die sich nicht mit Unrecht Frisiersalon nannte, und begegnete, obwohl sein Leierkasten ein wenig Verwunderung hätte erregen müssen, dennoch derselben herzlichen und warmen Höflichkeit, die allen Eintretenden aus den Friseurläden wie eine milde Frühlingsluft entgegenströmt.
Er sah sich im Spiegel, das Gesicht weißbestäubt von Puder, seinen Scheitel glänzend von Öl, und den vornehmen Duft, der von ihm selbst ausging, atmete er mit stolzem Behagen. Der Entschluß, die Lehrlingsschule überhaupt nicht mehr, dafür aber diverse Friseurläden um so häufiger zu besuchen, wuchs in ihm unerschütterlich. Er straffte die Kopfhaut, die Stirn, rief die zwei kleinen imponierenden Falten an der Nasenwurzel hervor und brachte so den Adlerblick zustande, den er immer in den entscheidenden Augenblicken seiner militärischen Laufbahn angelegt hatte. Dann gelang es ihm, mit einer solch vornehmen Bewegung den Leierkasten umzuhängen, daß er fast einem Rechnungsfeldwebel glich, der seinen Säbel umschnallt.
Bedenken verschiedener Natur und Wichtigkeit überfielen ihn erst auf der Straße, in der Nähe des Hauses Nummer 37, wie eine lästige Fliegenschar. Er kam sich wie ein hartherziger Egoist vor, ein kalter Mensch und ein eitler obendrein, der ohne Rücksicht auf den schmerzvollen Tag der Witwe Blumich, vielleicht den schmerzvollsten ihres jungen Lebens, geckenhafte Toilette gemacht hatte. Was würde sie denken, wenn er so vor ihr erschiene, nachdem sie ihn gestern in seinem gewöhnlichen Zustand gesehen hatte? Würde sie nicht mit Recht beleidigt, getroffen, ja schmerzlich bewegt sein? Es war vielleicht überhaupt nicht günstig, heute die Witwe Blumich zu besuchen. Man müßte sich ein wenig auch vor dem toten Mann schämen, der noch nicht in der Erde lag. Andreas hätte eigentlich sehr viel Grund zu warten, der Witwe Zeit zu lassen, bis sie mit ihrem ersten Mann vollkommen ins reine kommen würde. Außerdem hatte sie ihn ja selbst nicht etwa für heute, sondern erst für morgen bestellt, ja man konnte sagen: gebeten.
An diesem Tage hatte Andreas Pum so viel Glück wie noch nie, seitdem er mit der Drehorgel in die Höfe wanderte. Sei es, weil die ungewöhnlich heiße Stunde alle Leute zwang, ihre Fenster weit offen zu halten, und sie den Klang einer Musik zum erwarteten Anlaß nahmen, Luft zu schöpfen und sich über die Brüstungen zu lehnen, sei es, weil ihnen der frischrasierte, saubere und mit einem glänzenden Kreuz gezierte Andreas ganz besonders sympathisch erschien – wir wissen nicht, wieso es kam, daß es rings um Andreas Geld regnete und daß er Mühe hatte, sich zu bücken, so oft mußte er es tun. Es war kein Zweifel mehr: das Glück war zugleich mit der Witwe Blumich in sein Leben getreten. Und lächelnd, mild und gütig, wie die Strahlen der untergehenden Sonne, die noch auf den Giebeln der Häuser ruhte, kehrte Andreas heim, lange noch vor Anbruch der Dämmerung, einen herzlichen Gruß für Willi auf den Lippen und mit einem gesegneten Appetit, der oft eine angenehme Begleiterscheinung einer gesunden Zufriedenheit zu sein pflegt.
V
Noch ahnte Andreas nichts von seinem Nebenbuhler, der in Anbetracht seines Berufes ein gefährlicher genannt werden konnte. Es war der im Hause Nummer 37 wohnende, jugendliche, schlanke und vom Scheitel bis zur Sohle verführerische Unterinspektor der Polizei, Vinzenz Topp, ein Frauenliebling jener Gegenden, in denen er Dienst hatte, ein Mann, der seine berufliche Würde mit einer gefälligen Sanftmut wohl zu verbinden wußte, leutselig gegen Passanten und Untergebene und gegen Vorgesetzte von einer sympathischen Korrektheit, der doch gleichwohl ein wenig stramme Demut beigemengt war. Auch in die Adjustierung wußte Vinzenz eine persönliche Note einzuschmuggeln, so daß er nicht nur schmucker als seine Kameraden erschien, sondern auch vorschriftsmäßiger. Er war menschlich im Dienst, soldatisch im privaten Umgang. Frau Blumich hatte während der langen Krankheit ihres Mannes mit einem durch Entbehrung doppelt geschärften Sinn die Vorzüge ihres Nachbarn in ihrer ganzen verwirrenden Fülle entdeckt und die Annehmlichkeiten eines kurzen Wortwechsels, eines gelächelten Grußes nicht selten genossen. Sie war sich jedoch darüber klar, daß der Unterinspektor wohl eine kurze Zerstreuung für entbehrende Frauen sein konnte, aber niemals ein getreuer und zuverlässiger Gatte. Dazu kam der Nachtdienst dreimal in der Woche. Frau Blumich fürchtete sich allein, mit ihrem fünfjährigen Mädchen in ihren zwei kleinen, aber im Dunkel der Nacht fast unermeßlich scheinenden Zimmern. Und obwohl sie sich im allgemeinen schon die Fähigkeit zutraute, zur Abwechslung neigende Männer zu zähmen und festzuhalten, so glaubte sie doch, gegenüber dem jugendlichen Übermut des Herrn Vinzenz Topp versagen zu müssen. Freilich war weder ihr Instinkt so zielsicher noch ihr Verstand so scharf, daß sie gewußt hätte, wie sehr gerade der übermütig scheinende Unterinspektor sich nach der gesicherten Existenz eines mit einer Witwe Verheirateten sehnte. Denn Vinzenz Topp war im Grunde mit seinem Leben unzufrieden. Er glitt allmählich in die Jahre, in denen es lästig wird, Gedanken, Tage und sogar Geld den ewig wechselnden Objekten der Liebe zu widmen. Das Herz sehnt sich nach den beruhigenden Regeln der sittlichen Ehe. Wir wollen nicht mehr immer sozusagen unterwegs sein, um unser berechtigtes Verlangen nach der warmen Nähe der Frau stillen zu können. Unser Beruf allein schon macht uns heimatlos. Wir bedürfen eines traulichen Daheims, von dem aus gelegentliche Ausflüge nicht ausgeschlossen sind und schweigend verziehen werden. Wir bedürfen einer eigenen, jetzt überhaupt nicht zu erreichenden Zweizimmerwohnung, möbliert, und einer ansehnlichen Familienzulage für Frau und Kind. Und schließlich der Ernennung zum Inspektor, die von einer Verheiratung zwar nicht abhängig war, aber durch einen Hinweis auf die gesteigerten Bedürfnisse bei einem günstig gestimmten Vorgesetzten beschleunigt werden konnte.
Von all dem ahnte, wie gesagt, Frau Blumich – sie hieß übrigens Katharina – gar nichts. Sie war gewohnt, Eindruck auf Männer zu machen, und sie fand nichts Besonderes daran, daß auch Vinzenz Topp ihr einen jener unternehmungslustigen und dennoch ehrfürchtigen Blicke zugesandt hatte, den alle Frauen zu schätzen wissen. Sie sammelte eine Menge solcher Blicke alle Tage im Hause und auf der Straße, im Park und im Laden. Das hatte nichts zu bedeuten. Von den Männern ist einer leichtsinniger als der andere, alle wollen ohne Verantwortung genießen, jeder will haben, keiner will zahlen, wie das Sprichwort lautet. Katharina Blumich war eine nüchterne Frau. Auch den ersten Mann hatte sie sorgfältig erwählt. Daß er später lungenkrank wurde, weil er Borstenarbeiter war, war Gottes Wille. Gegen das Schicksal kann man nichts unternehmen, aber den Verstand muß man trotzdem sprechen lassen. Dieser plädierte für einen Mann gesetzten Alters, mit einem körperlichen Mangel womöglich, der das eheliche Glück dennoch nicht verhindern konnte; die Vernunft gebot einen Vogel mit bereits gestutztem Gefieder, der leicht zu halten war und keiner aufregenden Disziplin mehr bedurfte. Dabei spielte der Stand keine Rolle oder nur eine geringe, insofern, als es Frau Blumich praktischer erschien, ein Wesen aus tieferer Sphäre zu sich emporzuziehen, als selbst emporgezogen zu werden. Dieses hätte sie zur Dankbarkeit verpflichtet und sie ihrer Autorität beraubt. In jedem Haushalt aber ist die Autorität der Frau das wichtigste.
Aus diesem Grunde verzichtete Frau Katharina Blumich auf den Unterinspektor Vinzenz Topp. Mochte er eine andere unglücklich machen. Mochte er sein Leben lang überhaupt nur mit losen Frauenzimmern umgehn. Als eine ständige Bedrohung des rechtmäßig angetrauten Gatten und als ein Anlaß zu dessen Eifersucht war er ja stets nachbarlich zur Hand und gut zu gebrauchen. Man muß alles ausnützen, aber man darf sich nicht wegwerfen.
Der Tag, an dem Andreas Pum seinen offiziellen Antrittsbesuch im Hof des Hauses 37 machte, war trübe und bleiern, trotz seiner spätsommerlichen Schwüle eine Vorahnung des Herbstes und von einem starken Feuchtigkeitsgehalt, der Andreas Schmerzen im fehlenden Bein verursachte. An diesen Tagen war er ohnehin schutzbedürftig, kindlich, verlassen, wehmutsvoll, sehnsüchtig. Kaum hatte er im Hof als ein schweigend ausgemachtes Erkennungszeichen die »Lorelei« intoniert, als Frau Blumich erschien, ihn bat, abzubrechen und in ihrer Wohnung sein Spiel fortzusetzen. Es war ein trauriges, ein melancholisches Lied und tat der Trauer keinen Abbruch.
Der Musik folgte ein artiger Knicks der kleinen blassen Anna, die ein dünnes Zöpfchen mit einer übermäßig großen, fledermausartigen schwarzen Schleife trug. Das Kind war von den traurigen Aufregungen verstört und still. Der neue Mann mit dem hölzernen Fuß und dem Instrument gefiel ihr trotz seiner Fremdheit. Sie wurde sehr zutraulich. Sie war fünfjährig, ein Mensch in jenem Alter, in dem man noch ein wissender Gott ist, vor dem die verborgene Güte der anderen sichtbar liegt wie buntes Gestein unter klarem Bergwasser.
Dann floß das Gespräch, unterbrochen von Kaffee und hausgebackenem Kuchen, eine stille Totenfeier für Herrn Blumich. »Er hatte eine großartige Garderobe«, rühmte die Frau, »und gerade so gewachsen wie Sie war er auch. Zwei braune Anzüge sind kaum fünf Jahre alt, damals war er noch Soldat, und ich hab mich um ihn gesorgt, wäre er doch draußen gestorben, wer kann da wissen, vielleicht wäre der Schmerz kleiner und das Kind nicht da, ein vaterloses Kind! Ach, Sie wissen ja nicht, wie eine ganz allein, mutterseelenallein stehende Frau in dieser bösen Welt lebt. Sie können das gar nicht wissen, die Männer können das gar nicht wissen.«
»Meine Mutter, die selige, war auch eine junge Witwe geblieben«, glaubte Andreas sagen zu müssen.
»Und sie hat nie wieder geheiratet?«
»Ja, sie hat einen Klempner genommen.«
»War er brav?«
»Sehr brav.«
»Lebt er noch?«
»Nein, sie sind beide im Krieg gestorben.«
»Beide im Krieg?«
»Ja, beide.«
»Nun, wenn man so glücklich ist und der zweite Mann auch ein guter treuer Lebenskamerad.« Hier hielt es Frau Blumich angezeigt zu weinen, sie suchte nach ihrem Taschentuch, fand es und brach aus.
Andreas hielt diese traurige Szene nicht mit Unrecht für eine günstige Fügung. Jetzt konnte er es mit Aussicht auf Erfolg wagen. Und indem er sich über die schluchzende Frau beugte und wie von ungefähr ihre Brust streifte, sagte er:
»Ich will Ihnen immer treu sein.«
Frau Blumich entfernte das Taschentuch und fragte mit einer fast nüchternen Stimme:
»Wirklich?«
»So wahr ich hier sitze.«
Frau Blumich stand auf und drückte einen Kuß auf Andreas' Stirn. Er suchte ihren Mund. Sie fiel auf seinen Schoß. Sie blieb dort sitzen.
»Wo wohnst du jetzt?« fragte sie.
»In einer Pension«, sagte Andreas.
»Es ist nur wegen der Leute. Sonst könnten wir morgen schon zusammenziehen. Wir warten vielleicht vier Wochen.«
»So lang?« fragte Andreas und schlang beide Arme um Katharina, fühlte die stramme Weichheit ihres Körpers und wiederholte klagend: »So lang?«
Katharina riß sich mit einem entschlossenen Ruck los. »Was sein muß, muß sein«, sagte sie streng und so überzeugend, daß Andreas ihr recht gab und sich fügte, aber allsogleich die süßesten Zukunftsträume zu spinnen begann.
VI
Was war er doch für ein Glückspilz! Dergleichen Dinge geschahen nicht alle Tage, es waren keine gewöhnlichen Dinge, es waren Wunder. Wie viele seinesgleichen erwarteten jetzt zitternd den Winter, wie einsame, schwache Gesträuche, wissend, daß sie preisgegeben und zum Tode verurteilt, und dennoch ohne Kraft, dem langsam vernichtenden Schicksal durch einen schnellen Selbstmord zuvorzukommen. Ihn aber, Andreas Pum, unter tausend Invaliden, hatte die Witwe Katharina Blumich erwählt, die er langsam und wie um sich vorzubereiten »Kathi« zu nennen begann. Sein war nun das erträumte Weib, das starkbusige, breithüftige, warme; brünstige Weichheit entströmte ihrem Körper, ein verlangender und betäubender Dunst, der langentbehrte Duft des Weibes, der selbst schon schwellend ist, wie das Fleisch wogend, wie ein Busen, der Duft, in den man sich betten kann wie auf einen Leib.
Reich an Vorzügen war Katharina Blumich. Aber nicht viel ärmer erschien in manchen Stunden Andreas sich selbst. Er war ein Mann von seltenen Gaben des Gemüts. Fromm, sanft, ordnungsliebend und in vollendeter Harmonie mit den göttlichen und den irdischen Gesetzen. Ein Mensch, der den Priestern ebenso nahestand wie den Beamten, von der Regierung beachtet, man konnte sagen: ausgezeichnet, niemals vorbestraft, ein tapferer Soldat, kein Revolutionär, ein Hasser und Verächter der Heiden, der Trinker, der Diebe und der Einbrecher. Welch ein Unterschied zwischen ihm und Willi zum Beispiel! Zwischen ihm und den vielen anderen, Unkontrollierbaren, die in den Höfen spielten und sangen, und all das ohne Lizenz! Der fernhallende Schritt des Polizisten erschreckte sie, stets konnte sie die Anzeige des bösen Nachbars erreichen, die geringen Einnahmen verloren sie am Schanktisch, Zuhälter, Verbrecher, die sie waren! Wieviel Beispiele konnte Andreas aus seiner Spitalzeit nur anführen, wie wimmelte es unter den Kranken von Heiden! Wie viele hatten häßliche, entstellende und ansteckende Krankheiten! Die armen Weiber! Sie wußten ja gar nicht, wem sie sich auslieferten! Aber Andreas war rein an Körper und Seele, wie geimpft gegen Sünden und Leiden durch das Leben gegangen, ein gehorsamer Sohn seines Vaters und später ein gern gehorchender Untergebener seiner Vorgesetzten. Er schielte nicht nach den Gütern der Reichen. Er kroch nicht durch die Fenster in ihre Villen. Er überfiel niemanden in den dunklen Alleen des Parks. Dafür belohnte ihn das Schicksal mit einem musterhaften Weibe. Jeder ist seines Glückes Schmied. Er verdiente das Gute. Nichts fällt einem so in den Schoß. Rebellen denken so. Sie täuschen sich. Sie fallen immer herein.
Plötzlich unterbrach ein Schrecken Andreas' fröhlichen Gedankenflug. Der Schmied Bossi fiel ihm ein und sein eigenes Zittern vor der Kommission, dem er die Lizenz zu verdanken hatte. Wie, wenn sich dergleichen wiederholte? Wer konnte wissen, ob nicht in seine Glieder, in seinen Körper, in sein Blut der Keim des Zitterns gelegt war, ob er nicht zur unrechten Zeit sprießen und stark würde, den armen Andreas überwältigend und ihn vernichtend? Wie kam er eigentlich dazu, vom Schicksal vor allen anderen ausgezeichnet, eine Lizenz zu besitzen, ohne dauernd zu zittern? Würde das Geschick sich nicht plötzlich einmal seinen Lohn holen? Er wollte Sicherheit haben, zum Doktor gehen.
Zum Doktor? Wir haben ein berechtigtes Mißtrauen gegen die Doktoren. In ihren Wartezimmern wird man krank. Während sie mit ihren Händen, ihren Instrumenten, ihrem Verstand nach unserer Krankheit forschen, überfällt sie uns, an der wir niemals gelitten. Die Brille des Doktors, sein weißes Gewand, der Duft, den er ausströmt, die mörderische Sauberkeit seiner Gläser und Pinzetten liefern uns dem Tod aus. Noch hat ein Gott, der über allen Doktoren ist, über unsere Gesundheit zu entscheiden; und da er sich bis jetzt so freundlich erwiesen, ermutigt er uns geradezu selbst, auf ihn zu bauen.
Andreas' Nächte gebaren diese Gedanken und Befürchtungen, fruchtbar und beständig, bald grausam und bald freundlich. Ach! Das alles war wohl nur die Sehnsucht nach Katharina Blumich. Die Tage aber, die erfüllt sind von der Geschäftigkeit der anderen und unserm eigenen Tun, die hellen Straßen und ihre eilenden Menschen, die Kinder in den Höfen und die Dienstmädchen an den Fenstern geben uns, obwohl sie nichts gemein haben mit dem Ziele unseres Herzens, dennoch die tröstliche Gewißheit, daß wir es erreichen. Vor allem klang jeder Tag in einen Nachmittag im Hause der Frau Blumich aus, der Kathi, in einen Kaffee und in ein geflüstertes Liebesgespräch. Dieses bestand keineswegs aus eitlen oder verlegenen, heißen und gestammelten Liebesschwüren, sondern verfolgte praktische Zwecke und erwies die großen Vorteile der weiblichen Klugheit, die niemals ohne Anmut ist.
»Wir werden das Geschäft ausbauen«, sagte Katharina. »Wir werden einen kleinen Esel kaufen und deinen Kasten auf einen Handwagen stellen, dann brauchst du ihn nicht zu schleppen!«
Welch ein leuchtender Kopf! Welch ein liebreicher Einfall: einen Esel zu kaufen!
Ein Esel ist ein dummes, aber geduldiges Tier! dachte Andreas. So oft hatte er davon gehört. Esel halten viel aus. Dieses Tier war wie geschaffen für unsere Zwecke. Es übt in den Höfen und in den Straßen entschieden eine Anziehungskraft aus.
»Wie wollen wir den Esel nennen?« fragte Katharina.
Wirklich! An alles dachte sie. Wie konnte man einen Esel nennen? »Lux« war ein Hundename.
»Muli«, schlug Katharina vor, »Muli« war großartig.
Täglich, ehe die Dämmerung kam, fragte Kathi: »Wirst du Anni lieben?«
Darauf hätte Andreas, wenn er ehrlich sein wollte, keine Antwort geben können. Aber er nahm die kleine Anni, die nicht mehr so sauber war wie am ersten Besuchstag, bei der Hand und glaubte wirklich, eine unbekannte, väterliche Liebe für das Kind zu empfinden. Es war still und schien klug. Stille Kinder kommen uns immer wie wissende Beobachter vor, und es schmeichelt uns, wenn wir ihnen gefallen.
Die warme Lebendigkeit der kleinen Kinderhand nahm Andreas, ohne es zu wissen, auf den einsamen und langen Heimweg mit. Manchmal dachte er an Anni mit einer freudigen Hoffnung, daß sie bald ganz sein eigenes Kind würde. Stundenlang fühlte er in seiner gehöhlten Hand ihre kleine weiche Faust, wie einen Vogel. Wieso kam es, daß man andere Dinge vergaß, die man berührt hatte, und Annis Faust nicht? Es war vielleicht so, daß die Hände ihr eigenes Gedächtnis hatten! Tirili! Ihr eigenes Gedächtnis! Sonderliche Gedanken denkt man, wenn man glücklich ist.
Zwei Wochen waren vergangen, seitdem Andreas seine Braut kennengelernt hatte. Und er hätte wohl noch zwei weitere warten müssen bis zum Anbruch eines neuen gemeinsamen Lebens, wenn ihm nicht die Natur zu Hilfe gekommen wäre.
Denn eines Nachmittags, während Kathi Kaffee kochte, erhob sich ein Sturm, und die offenen Fensterscheiben klirrten. Auf einmal wurde es dunkel. Es begann zu regnen. Und sei es, daß Katharina schon ohnehin längst gehofft hatte, ein unerwartetes Naturereignis würde ihrer bereits vorhandenen Neigung, ihre und Andreas' Wartezeit abzukürzen, zu Hilfe kommen, sei es, daß die Plötzlichkeit des Unwetters eine ebensolche der Entschlußkraft hervorgerufen hatte: Katharina besann sich nicht und sagte unvermittelt:
»Du kannst heute schon hierbleiben. In diesem Wetter jagt man keinen Hund auf die Straße.«
Am nächsten Morgen übersiedelte Andreas. Er nahm Abschied von Willi und ließ einen Gruß für Klara zurück. Willi begleitete ihn, trug ihm den Koffer bis zur Straßenbahn und pfiff unterwegs ein herausfordernd keckes Lied. Er verbarg beide Hände in den Hosentaschen und ging mit breiten Schritten und auseinandergespreizten Beinen gemächlich neben dem hinkenden Andreas. Den kleinen, aber schweren Holzkoffer hatte er mit einem Riemen um den Arm geschlungen, wie eine Einkaufstasche oder einen leeren Marktkorb. Es bedeutete eine stille Ehrenbezeugung für den scheidenden Andreas, daß Willi so seine Riesenkräfte demonstrierte. Auch das ausgelassen muntere Lied pfiff er aus Wehmut. Und an der Haltestelle sagte er zwischen den Zähnen: »Viel Glück auch, Andreas!« – und machte kehrt und schlenderte gemächlich den Weg zurück und warf noch einen langen Blick in die Seitengasse, in der die Würste vor dem Delikatessenladen hingen, prall und feist, wie dicke Gehenkte.
Es ließ sich nicht vermeiden, daß Andreas einige Tage später den Unterinspektor der Polizei kennenlernte und dessen Glückwunsch entgegennahm. Diese Begegnung verlief in Anwesenheit der Frau Katharina, die nicht merken konnte, welchen Schmerz Vinzenz Topp hinter seiner fröhlichen Formgewandtheit verbarg. Daß man einen Krüppel ihm vorgezogen, dem bestgewachsenen Mann der ganzen Umgebung, daß man seinen Rang nicht beachtet hatte, seine Uniform und seine Klugheit, daß seine Frauenkenntnis wirkungslos, seine Andeutungen vergeblich geblieben waren – das alles verletzte Vinzenz Topp. Er beschloß, dem neuen Mann der Katharina Blumich – es war ein Mißgriff dieser sonst klugen Frau – keine Sympathie entgegenzubringen. Er grüßte kaum, wenn er und Andreas sich im Hause trafen.
Aber Andreas merkte nichts, denn er lebte in der neuen und betäubenden Glückseligkeit, die uns wie ein Panzer gefühllos gegen die Schlechtigkeit und die Kränkungen der Welt macht und wie ein gütiger Schleier die Bosheit der Menschen verhüllt.
Ja, Andreas war glücklich. Ein göttliches Weib wärmte sein Lager und wandelte es in ein Paradies. Kein Schmerz gemahnte an das fehlende Bein. In der neu gefütterten Krücke lag der Stumpf warm gebettet wie in der Höhlung einer liebenden Frauenhand. Den Morgen leitete die dampfende Kaffeetasse ein. Den Tag beschloß ein warmes Essen. Butterbrote lagen in seinen Taschen, begleiteten ihn auf seinen Wegen wie Grüße seiner Frau. In den Stunden der Dämmerung saß Anni, das blasse, großäugige Kind, auf seinem gesunden Knie. Andreas erklärte ihr den wunderbaren Sinn der Bilder auf dem Leierkasten.
»Du bist ein liebes, kleines Mädchen«, sagte er oft und sinnlos, denn er plagte sich vergeblich, um ein schöneres Wort für Anni zu finden.
Langsam und wie eine große, gute, heilende Wärme breitete sich in ihm die Liebe aus.
An einem der ersten Novembertage heirateten sie. Zum letztenmal in diesem Herbst schien die Sonne so warm, daß man ganz leicht und frei, wie im Frühling, vor der Kirche stehen konnte (vor der Kirche aus gelben Ziegelsteinen, die von einem leise bereiften Rasen umgeben war) und daß die kleine Anni nicht fror, obwohl sie ein dünnes, weißes Musselinkleidchen trug, ohne Mantel. Sie sah aus wie eine kleine Braut.
Dann kamen die trüben, die regnerischen, die kalten Tage. Nur am Vormittag geht Andreas in die Höfe spielen. Ihn friert nicht. Ihn durchnäßt der zudringliche Regen nicht. Er trauert nicht um die wolkenverhangene Sonne. Dank seiner neuen, unten kantig gehobelten Krücke gleitet er niemals auf schlüpfrigem Pflaster. Hart an den Borden der Bürgersteige geht er, und vor ihm führt Muli, der kleine Esel, den Kasten auf einem Handwagen. Alles ist Andreas' eigenes Gut. Nun denkt er schon an einen Papagei mit grünen und roten Losen für den Frühling. Kinder und Erwachsene sehen ihm nach. Trotz der Kälte regnet es Geld aus allen Fenstern, in allen Höfen. Trotz der Kälte greifen Passanten in die verborgenen Taschen. Alle – nicht alle, aber viele kennen ihn. Was fehlt Andreas Pum?
Er liebte alles in der Welt und besonders zwei – sind es Dinge oder Menschen? – Sie gehören zusammen und sind nicht von einer Gattung. Andreas liebte Anni und Muli, das Kind und den Esel.
Dem Esel hatte er einen kleinen Stall im Hof gebaut. In der Nacht denkt er manchmal daran, daß Muli friert. Am nächsten Tag will er mehr Stroh in den Stall tun.
Plakate sind an den Litfaßsäulen zu sehen. Die Invaliden sind wieder einmal unzufrieden. Heiden, die sie sind! »Kameraden!« schreien die Plakate. Die Regierung! Die Regierung!
Sie wollen die Regierung abschaffen! Ihn, Andreas Pum, konnte man nicht für derlei Dinge haben. Er machte keinen Radau, er war ein ruhiger Mensch, er verachtete Kartenspieler, Trinker und Rebellen.
Mit dieser Verachtung im Herzen hätte Andreas Pum alle die langen oder kurzen Jahre leben können, die ihm vom Schicksal zugedacht waren, mit dieser Verachtung im Herzen, in dieser warmen, guten Behaglichkeit, in dieser vollendeten Harmonie mit den irdischen und göttlichen Gesetzen, den Priestern ebenso nahe wie den Beamten der Regierung – – wenn nicht ein ganz fremder Mann in Andreas Pums Leben getreten wäre, um es zu vernichten, nicht mit dem Willen zum Bösesein, sondern von der Blindheit des Zufalls dazu gezwungen, ein unwissendes Mittel in der Hand des Teufels, der manchmal die göttliche Regierung unterbricht, ohne daß wir es ahnen; so daß wir noch in der tröstlichen Gewißheit, daß ein Gott über uns wacht, unsere stummen Gebete zu ihm hinaufsenden – und uns wundern, wenn sie nicht erhört werden. Der Mann, dem Andreas sein Unglück zu verdanken hatte, war der Posamenteriehändler Arnold von der Firma Arnold & Hahn.
VII
Herr Arnold war groß, gesund, satt und dennoch unzufrieden. Das Geschäft florierte. Daheim wartete seiner eine treue Gattin, die ihm zwei Kinder geboren hatte: einen Knaben und ein Mädchen, genau so, wie er es sich gewünscht. Seine Anzüge saßen gut, seine Krawatten waren immer modern, seine Taschenuhr ging richtig, sein Tag war mit einer wohltätigen Genauigkeit eingeteilt. Keine unangenehme Überraschung konnte ihm die milde Ordnung seines Lebens stören. Es schien fast ausgeschlossen, daß ihm je eine Morgenpost den peinlichen Bettelbrief eines unbegüterten Verwandten bringen würde. Er hatte keine armen Verwandten. Er stammte aus einer wohlhabenden Familie, in der es keine Zwistigkeiten gab. Alle ihre Mitglieder einte eine versöhnende Sorglosigkeit und eine verwandte Art, die Welt zu sehen, die Politik zu beurteilen, den persönlichen Geschmack zu zeigen, die jeweils herrschende Mode zu kritisieren oder mitzumachen. Im Hause Arnolds gab es nicht einmal jene häuslichen Kümmernisse, deren Ursachen gewöhnlich in einem mißratenen Leibgericht zu suchen sind. Sogar die Kinder lernten gut, benahmen sich züchtig und schienen zu wissen, welche Verantwortung sie dem Namen ihres Vaters und seiner nicht unerheblichen Abstammung schuldig waren.
Dennoch litt Herr Arnold an einer chronischen und, wie man sieht, unbegründeten Unzufriedenheit. Er selbst wußte freilich Gründe genug. Einerseits regten ihn die Zeitverhältnisse auf. Er hatte von seinen Ahnen einen ausgeprägten Sinn für Ordnung geerbt, und ihm war, als gingen die Tendenzen der Gegenwart dahin, diverse Ordnungen zu stören. Andererseits näherte er sich jenem Alter eines Familienvaters, in dem eine weibliche Abwechslung zur Erhaltung des inneren Gleichgewichts nötig wird. Dieser Liebesdrang aber verursachte eine gewisse Unsicherheit, welche die Ordnung des Tags und noch mehr der Nacht zu sprengen drohte, und teilte sich allmählich der ganzen Tätigkeit des Herrn Arnold mit, beeinflußte die großen Abschlüsse und sogar die Erledigung der Korrespondenz; insbesondere diese, weil Arnold die Briefe der jungen Veronika Lenz, die geradezu absichtlich diesen Namen trug, zu diktieren pflegte.
Nun war Fräulein Lenz allerdings so gut wie verlobt. Dennoch hätte sich ein in den Dingen der Verführung mehr geübter Mann durch diese Tatsache nicht abhalten lassen. Gerade die mangelnde Übung hatte bis jetzt den Herrn Arnold ausgezeichnet, seine Solidität unterstützt, seinen Ruf begründet und ihm die Kraft gegeben, sich gegen die zersetzenden Erscheinungen des gegenwärtigen Lebens zu empören. Ach! wie bangte ihm vor dem Tag, an dem er sich in den traurigsten Widerspruch zu seiner ganzen Existenz bringen würde, und wie sehnte er diesen Tag herbei! Wie mußte er sich stündlich vor sich selbst, vor seiner Umgebung, seinem Kompagnon, seiner Frau und seinen Kindern in acht nehmen. Und wie schwer fiel es ihm!
Denn es war nicht leicht, Veronika Lenz zu vergessen, ein hellblondes Mädchen mit kräftigen Händen und einem merkwürdig zarten Angesicht, in einer sehr vorteilhaften Kleidung, welche die wichtigsten Bestandteile des Körpers mit einer aufregenden Deutlichkeit ahnen ließ. Unvergeßlich blieb sie besonders an jenen Tagen, an denen sie in einer dunkelgrünen ärmelfreien Bluse erschien und ein braunes Muttermal in der warmen, blauschattenden Ellbogenhöhlung sichtbar machte. Diese Stelle zu küssen, wünschte sich Herr Arnold.
Er zweifelte nicht daran, daß es ihm gelingen würde, wenn er nur erst einmal den Entschluß gefaßt hätte. Denn seine breitschultrige rötlichblonde Männlichkeit mußte imponieren; obzwar sein Angesicht ein erblicher Fehler störte, der in verschiedenen Gesichtern der Familie Arnold seit Jahrhunderten schon heimisch war. Herr Arnold besaß eine schiefe, unten abgeplattete Nase. Das rührte von der schiefstehenden Scheidewand her, welche das eine Nasenloch rund, das andere dreieckig gestaltete. Immerhin versuchte die Natur, die auch in ihrer Bosheit noch gütig ist, diesen Fehler dadurch zu mildern, daß sie das Nasenende fleischig, platt und beweglich machte. Diese Rührigkeit konnte gelegentlich die schiefen Löcher als eine momentane Verschiebung gelten lassen, etwa durch ein zu starkes Schneuzen verursacht. Den flüchtigen Betrachter täuschte überdies auch der buschige, rötliche Schnurrbart, der die Nase als einen Gesichtsteil zweiten Ranges erscheinen ließ und sich auf ihre Kosten hervorragend bemerkbar machte.
Unbezweifelbar männlich waren alle anderen Merkmale der Arnoldschen Körperlichkeit. Schritt er, Briefe diktierend, durchs Zimmer, so seufzte die Diele unter seiner kräftigen Sohle. Er hatte die Gewohnheit, mit vorgeneigtem Körper, die Hände in den Rocktaschen, auf einem Fuß eine Weile lang stehenzubleiben und mit der Spitze des anderen den Teppich zu berühren, so daß er von ferne an die Stellung einer Statue gemahnte, die einen eilenden Mann in einem bestimmten Moment seines Laufes festhält. Erst nach zwei oder drei Sekunden berührte die Ferse des anderen Fußes den Boden. Die Schritte waren gewaltsam breit und raumfressend. Das Diktat klang streng, und der Stil der Briefe erinnerte, auch wenn sie Höflichkeiten enthielten, an Rügen und Verweise. Obwohl Herr Arnold bereits seit mehr als zehn Jahren für die Firma Briefe zeichnete, bereitete ihm seine Unterschrift doch immer neue Freude. Denn sie war, und wurde sie auch noch so oft gegeben, wie eine Bestätigung der Arnoldschen Macht und rein als graphische Erscheinung ein imponierendes Ornament. Deshalb verrichtete er seine Unterschriften in einer atemraubenden Stille, schnell und dennoch sorgsam, in der Linken die Löschwiege als ein Mittel, die scharfe Wirkung des tintenfeuchten Namens zu beschwichtigen.
Indessen stand Veronika Lenz hinter seinem Stuhl und bezauberte ihren Herrn, ohne es zu wollen. Es war gewiß, daß sie keine anderen Absichten hegte, als die Korrespondenz gewissenhaft zu erledigen und die Stätte ihrer Arbeit schnell zu verlassen. Aber gerade daran zweifelte Herr Arnold. Denn sowenig er auch sonst vom Leben der jungen Mädchen dieser Zeit wußte, so viel schien ihm doch sicher: daß jemand, der so gut wie verlobt war, noch keine Braut genannt werden konnte. Diese Bezeichnung allein hätte ihn mit jenem distanzierenden Schauder erfüllt, den wir den geweihten und heiligen Namen gegenüber empfinden. An sündhafte Beziehungen zu fremden Bräuten dürfen wir nicht einmal im Traum denken. Es gleicht fast einem Ehebruch. Einem Raub fremden Gutes. Einem tückischen Diebstahl. Wir aber leben in einer Welt, in der das Eigentum des Nächsten geschont werden muß. Wo kämen wir denn sonst hin!
Dagegen bedeutet eine Verlobung, die noch nicht feststeht und die unter gewissen Umständen überhaupt nicht zustande kommen könnte, noch keinen heiligen Brautstand. Ja, sie gleicht viel eher einem weniger heiligen Verhältnis, auf das man keine Rücksichten zu nehmen braucht – insbesondere, wenn man weiß, daß jener Mann ein Tunichtgut ist, ein Artist, ein Komödiant, der durch die Städte der Welt reist und wahrscheinlich in jeder Stadt ein Mädchen besitzt. Ihn macht man nicht arm. Ihm raubt man gar nichts. Man tut – im Gegenteil – vielleicht ein gottgefälliges Werk, indem man dem Mädchen die Augen öffnet und ihren stumpfen Sinn für die bitteren Wirklichkeiten dieser Erde schärft, die man nur vergessen und besiegen kann in kurzen, vorübergehenden und vor allem folgenlosen Räuschen.
Nachdem Herr Arnold durch derlei sorgfältige Überlegungen dazu gekommen war, den außergewöhnlichen Zustand seiner Verliebtheit als einen gewöhnlichen Wohltätigkeitsdrang erscheinen zu lassen, verlor er die Angst vor den Schwierigkeiten, die sich seiner Eroberung entgegengestellt hatten. Und so geschah es, daß er eines Tages, während er Unterschriften gab, die Löschwiege langsam hinlegte, seine Feder in das Tintenfaß steckte und – sich schnell erinnernd, daß man Federn ohne Schaden nicht in der Tinte lassen könnte – sie sofort wieder auf dem eisernen Haltergestell sorgfältig plazierte. Hierauf wandte er seinen Kopf, streckte beide Arme hoch und umklammerte den süßen, gebückten Nacken des blonden Mädchens.
Veronika Lenz stemmte sich gegen die umarmenden Hände, deren Druck stärker war und siegreich blieb. Sehr erschrocken und stöhnend in vergeblicher Abwehr mußte sie ihr Angesicht der Wange des Herrn Arnold nähern. Sie sah dabei die rötlichen Haarbüschel in seinen Ohren, roch den kalten Dunst von Zigarren und menschlichem Fett, der aus den Fugen zwischen Kragen und Hals des Mannes zu strömen schien. Die Rückenkante des Stuhls schnitt schmerzhaft in ihren Leib. Sie schloß die Augen, wie um den Tod zu erwarten, und fühlte einen Biß auf ihrer Wange.
Jetzt erst riß sie ihren Kopf heftig zurück, spuckte auf den Nacken des Herrn Arnold, raffte Jacke, Hut und Tasche zusammen und stürzte hinaus.
Arnold blieb nur eine Hoffnung: daß dieses Mädchen, das er jetzt haßte, nicht mehr kommen würde. Er wollte ihr sofort eine größere Summe anweisen lassen. Diesen beschämenden Vorfall würde er einmal schon vergessen. Man kommt über alles hinweg. Arbeiten und nicht verzweifeln! Allzeit Kopf hoch! Auch der Klügste begeht Dummheiten. Und schon träumte er, daß ein Jahr verflossen und das Ereignis begraben sei unter der wuchtigen Fülle von dreihundertfünfundsechzig arbeits- und abschlußreichen Tagen.
Also sein aufgeregtes Gemüt besänftigend, begab er sich im Automobil nach Hause, trat er mit lautem, herablassendem Gruß in sein Zimmer, küßte er beide Wangen seiner immer noch schönen Frau, versprach er den Kindern Geschenke zu Weihnachten, fand er ein leutseliges Wort für das Dienstmädchen, schüttete er Gnaden über sein Haus. Dann schlief er eine lange, ruhige, gesunde Nacht und fuhr des Morgens pfeifend ins Geschäft.
Hier aber unterbrach Luigi Bernotat, ein Tierstimmenimitator aus dem Rokoko-Varieté, Herrn Arnolds zuversichtliche Laune. Luigi Bernotat, ein Mann von höflichen Formen, entschuldigte sich zuerst, daß er so früh schon störe, und begann, ohne zu zögern, von seiner Braut zu sprechen, die durch eine bedauerliche Zudringlichkeit eines Herrn dieses sonst so angesehenen Hauses gezwungen sei, den Dienst aufzugeben und eine Abfertigung zu verlangen.
»Mit dem größten Vergnügen«, unterbrach hier Herr Arnold Luigi Bernotats wohlgesetzten Vortrag.
»Das ist sehr nett«, sagte Bernotat, »aber im Grunde nur Ihre Pflicht. Darüber hinaus fühle ich, als der Verlobte der Dame, mich schwer gekränkt. Ich bin also gekommen, um Ihnen anzukündigen, daß ich den Gerichtsweg beschreiten werde, daß ich fest gesonnen bin, den Gerichtsweg zu beschreiten – schon um ein Exempel zu statuieren.«
Jetzt entstand eine drohende Pause.
Herr Arnold ergriff das blanke Lineal aus Eisen, er drückte die Finger an das kühle Metall, es tat ihm wohl und vertrieb wenigstens an einer Körperstelle und für eine kurze Weile die plötzliche Hitze, die sich seines ganzen Leibes bemächtigt hatte. Er will erpressen, er will erpressen, ich bin hereingefallen, ich bin schön hereingefallen, dachte Herr Arnold. Dann stand er auf und sagte:
»Wieviel wollen Sie?«
Luigi Bernotat schien diese Frage erwartet zu haben. Denn wie ein Schauspieler, dessen Stichwort gefallen, begann er langsam und sicher, mit künstlichen Pausen und abwechselnd sehr schnell fließendem Vortrag eine Rede, und seine Stimme bannte ihren Zuhörer so, daß er eine kurze Zeit nur auf das mähliche Steigen und Fallen des Tones hörte, ohne zu unterbrechen.
»Sie denken wohl«, sagte Luigi Bernotat, »ich wäre ein Erpresser? Wie sollten Sie auch anders? Menschen Ihresgleichen glauben natürlich, daß die Ehre eines Mannes käuflich ist. Die meinige nicht! Bei mir nicht, Herr Arnold. Sie selbst werden dafür einstehen, was Sie zu unternehmen gewagt haben. Noch gibt es Gerichte. Sie glaubten, ein Artist würde das nicht so genau nehmen? Die Braut eines Geschäftsfreundes oder eines Rechtsanwalts, eines Studenten oder eines Offiziers hätten Sie nicht berührt. Ich werde Sie darüber belehren, daß auch die Braut eines Artisten kein Freiwild ist. Ich könnte Sie fordern, wenn ich nicht der Antiduell-Liga angehören würde. Glauben Sie nicht, daß ich feige bin. Man kennt mich. Ich habe den bekannten Martin Popovics, seinen Namen werden Sie bestimmt schon gehört haben, den Kunstbläser Popovics, zweimal geohrfeigt, weil er einen dummen Witz gemacht hat. Übrigens bin ich Amateurboxer. Ich bin also, wie Sie sehen, nicht feige. Aber ich verleugne meine Grundsätze nicht. Konsequenz ist das wichtigste im Leben. Seien Sie ein konsequenter Mann und tragen Sie die Folgen.«
Herr Arnold stand schweigend, weil der Stimme beraubt. Er beobachtete die rote, schwarz und braun gestreifte Schleife seines Gegners, die keck und wie ein Requisit der Lebensfreude über die beiden Kragenenden hinausragte. Es wurde sehr still, nachdem Luigi Bernotat mit erhobener Stimme seine Rede beendet hatte. Plötzlich begann Bernotat zu trillern. Er wollte offenbar seinen frechen Übermut beweisen, indem er eine Lerche täuschend imitierte. Sein Pfeifen schwoll an, und bald war es, als jubilierte ein ganzer Lerchenchor.
Da schrie Herr Arnold: »Trillern Sie hier nicht, Sie frecher Lausbub!«
Luigi Bernotat verneigte sich: »Das werden Sie beweisen«, sagte er leise und gar nicht konsequent, und er tänzelte, nachdem er sich noch einmal verneigt hatte, elegant hinaus.
Herr Arnold übersah, trotz seiner Aufregung, die ganz gefährlichen Folgen dieses Besuches nicht. Da hatte er was angerichtet! Fünfundvierzig Jahre eines anständigen Lebenswandels, eines tadellosen Rufes, eines glänzenden Geschäftsganges waren gefährdet. Und ohne lange zu überlegen, fuhr er zu seinem Rechtsanwalt.
Freilich war dieser abwesend und beim Gericht. Ein Narr, wer es anders erwartet hätte! Wozu haben wir eigentlich unsere Rechtsanwälte? Damit sie verschwinden, sobald wir ihren Rat gebrauchen. Unsere Hausärzte? Sie kommen erst, wenn wir gestorben sind, und schreiben unsere Totenscheine. Unsere Büromädchen? Sie bringen uns eines dummen Witzes wegen in die allergrößte Verlegenheit. Unsere Frauen? Mit ihnen können wir überhaupt nicht sprechen, wenn unser Herz voll ist; unser Unglück löscht nur ihren ewigen Rachedurst. Unsere Kinder? Sie haben ihre eigenen Sorgen, und wir Väter sind womöglich ihre Feinde.
Und obwohl alle diese Verhältnisse seit Jahrhunderten wahr und gültig sein mochten, so war doch vieles von dem, was den besonderen Fall Bernotat, Lenz und Arnold betraf, eine Schuld dieser Zeit; dieser entsetzlichen Gegenwart, deren Tendenzen dahin gingen, diverse Ordnungen zu zerstören. In welchem Zeitalter der Weltgeschichte wäre es sonst möglich gewesen, daß ein kleines Büromädchen ihren Verlobten zu ihrem Brotgeber schickte? Daß dieser »Bräutigam« – Herr Arnold dachte diese Bezeichnung in Gänsefüßchen – zum Chef eines altangesehenen Hauses käme und Rechenschaft forderte – notabene ein Bräutigam, der ein Zirkusmensch ist! In welcher anderen Zeit hätte diese Hefe der menschlichen Gesellschaft noch so viel impertinenten Mut aufgebracht?
Herr Arnold schickte das Auto weg und ging durch die Straßen. Er aß in einem Restaurant. Mochte seine Familie auch ein bißchen aufgeregt sein. Hatte er vielleicht die Verpflichtung, seit Jahren pünktlich heimzukommen? Mochten sie zu Hause nur glauben, ihm sei ein Unfall zugestoßen.
Im Gasthaus schien der Kellner eine so auffällige Erscheinung wie Herrn Arnold nicht bemerken zu wollen. Arnold zerschlug mit einem schweren Messergriff ein Salzfaß und nahm mit der wortlosen Gekränktheit eines gewaltigen Tyrannen die demütige Entschuldigung des feierlichen Direktors entgegen.
Dann trank er einen Mokka, um die Müdigkeit niederzuringen. Dennoch mußte er noch auf der Straße gegen den Schlaf ankämpfen, der mit der Zähigkeit einer langjährigen Gewohnheit auftrat.
Herr Arnold ging durch fremde Straßen mit eiligen Schritten, als wollte er bald ein Ziel erreichen. Mit jedem Schritt merkte er, bitter und dem Weinen nahe, wie wenig er eigentlich bedeutete. Man geht so durch die Welt, durch sein eigenes Land, durch seine Heimat, für die man fünfundvierzig Jahre geschuftet hat – und ist ein Niemand. Vor fremden Automobilen und Wagen muß man sich in acht nehmen. Die Lümmel von Polizisten sehen stolz auf uns herab. Gemeine Menschen aus den unteren Schichten des Volkes, versoffen und zerlumpt, gehen uns nicht aus dem Wege. Geschäftsdiener mit Gepäckstücken stoßen uns an. Sechzehnjährige Burschen bitten mit der Miene ernster Männer um Feuer für ihre Zigarette. Es fällt uns aber nicht ein, stehenzubleiben und Rotzbuben Gefälligkeiten zu erweisen. Auf Schritt und Tritt erkennt man die zersetzenden Tendenzen dieser Zeit. Dieser gottverlassenen Gegenwart!
Die Dämmerung senkte sich rasch über die Welt. Die ersten Laternen erglommen. Ein hinkender Mann stellte sich Arnold in den Weg. Er trug auf Brust und Rücken ein aufreizendes Plakat. »Genossen!« – so begann es, »die Not der Invaliden kennt keine Grenzen. Die Regierung ist ohnmächtig!« In diesem Ton ging es weiter. Das war ja auch eine schöne Bande! Bettler, Diebe und Einbrecher. Viele waren ja gar nicht echt. Simulierten Schmerzen. Gaben vor, Krüppel zu sein! Eine nette Gesellschaft. Die Regierung ließ das zu. Auf öffentlichen Plakaten schreiben sie: Genossen! Ein schreckliches Wort. Anarchistisch. Zersetzend. Es riecht nach Bomben. Die russischen Juden erfinden solche Bezeichnungen. Der Polizist stand in der Nähe und griff nicht ein. Dafür zahlt man die horrenden Steuern! Schrecklich, so was! Da ist ja auch das Versammlungslokal! Hinein strömen sie! Auffallend wenig Krüppel. Drei oder vier Blinde mit Hunden. Aber sonst? – Tagediebe, Bettler, Gesindel.
Es war spät. Man mußte heim. Am besten, man bestieg eine Straßenbahn.
Hätte der Herr Arnold, wozu er wohl in der Lage gewesen wäre, ein Auto genommen, um heimzukommen, er wäre der letzten Aufregung dieses furchtbaren Tages entronnen und sein Weg hätte sich nicht unheilvoll mit jenem des Leierkastenmannes Andreas Pum gekreuzt. So aber richtet es ein tückisches Geschick ein: daß wir zugrunde gehen, nicht durch unsere Schuld und ohne daß wir einen Zusammenhang ahnen; durch das blinde Wüten eines fremden Mannes, dessen Vorleben wir nicht kennen, an dessen Unglück wir unschuldig sind und dessen Weltanschauung wir sogar teilen. Er gerade ist nun das Instrument in der vernichtenden Hand des Schicksals.
VIII
Es fügte sich, daß Andreas, der an diesem Nachmittag seinen Leierkasten zu Hause gelassen hatte und den Esel im Stall, wie er es an jedem Mittwoch zu tun gewohnt war, plötzlich so müde wurde, daß er, obwohl er sparsam und sein Haus nicht mehr weit entfernt war, die Straßenbahn bestieg. Hart an ihrem Eingang und so, daß er das halbe Trittbrett einnahm, stand Herr Arnold mit seinem Regenschirm, wie ein Wächter. Mehrere Passanten hatten sich schon über den umfangreichen Herrn aufgeregt, der den Verkehr so anmaßend behinderte. Arnold aber war – wir wissen, weshalb – nicht in jener Stimmung, in der man seinen Mitmenschen Gerechtigkeit widerfahren läßt. Er, der sonst immer für die vorgeschriebene Ordnung auf öffentlichen Verkehrsanstalten eingenommen war, rebellierte gegen seine eigene Überzeugung.
Andreas Pum war schon lange nicht Straßenbahn gefahren. Er hatte sie als ein sympathisches Verkehrsmittel in der Erinnerung. Immer boten ihm zwei und drei Passagiere gleichzeitig ihre Plätze an. Seine Krücke, sein militärischer Anzug, den er an Wochentagen trug, und sein blankes Kreuz sprachen zu dem Gewissen der Leute, selbst jener mürrischen Nebenmenschen, die immer tiefbekümmert und wie durch tausend Ungerechtigkeiten, die ihnen jemand zugefügt, erbittert durch die Welt gehen, mit dem Ziel, allen, die ihnen in den Weg laufen, das Dasein zu erschweren. In der Straßenbahn begegnete Andreas Pum immer zuvorkommenden Gesichtern.
Um so größer war seine Verwunderung über den fremden Herrn, der nicht um einen halben Zoll von seinem Platz rückte, obwohl er sah, daß Andreas mit Krücke und Stock zumindest ein ganzes Trittbrett für sich allein benutzen mußte, wenn er die Bahn besteigen wollte. Hinter Andreas drängten die Leute. Der Schaffner befand sich im Innern des Wagens. Indessen aber sah Herr Arnold geradeaus vor sich hin, als wüßte er gar nicht, was sich alles vor ihm begab, und seine Gedanken waren etwa von dieser Art:
Das ist so ein Invalide. Ein Simulant. Das andere Bein hat er sorgfältig verborgen. Ein Soldat! Ha – ha! Das kennen wir. Diese Kerle schämen sich nicht, die Uniform zu entehren. Eine Auszeichnung! Welch ein gottloser Schwindel! Der kommt aus der Versammlung der Invaliden, die ich gerade gesehen habe. Die Herren Genossen! Man tut nicht genug für sie. Ich gehöre dem Wohltätigkeitskomitee vom Silbernen Kreuz an. Der Herr Reschofsky ebenfalls. Alle Herren aus meiner Gesellschaft. Jeder tut, was er kann. Sie sind unzufrieden. Undank ist der Welten Lohn. Der Fratz, den ich gestern kaum angerührt habe, schickt mir ihren Zuhälter an den Hals. Einen Artisten! Er wagt es, mich zu beleidigen. Die Gerichte sind imstande, ihm recht zu geben! Diese Gerichte heutzutage! Gibt es überhaupt noch eine Gerechtigkeit in der Welt?
Des Menschen Gedanken sind schneller als die Blitze, und ein empörtes Gehirn kann wohl in einer halben Minute eine ganze Revolution gebären. Die Straßenbahn wartete schon eine Minute länger. Andreas Pum beschloß endlich, sich, so gut es ging, an dem steinernen Herrn vorbeizudrücken. Es gelang ihm, nachdem ihm eine Frau, die rückwärts stand, geholfen hatte. Nun aber wurde sogar der sanfte Andreas aufgeregt. Es fiel ihm nicht ein, in den Wagen zu gehen. Er blieb neben dem unbeweglichen Herrn.
Es geschah im Leben Andreas' zum erstenmal, daß ihm das Angesicht eines gutgekleideten Herrn unsympathisch war. Andreas sah die schiefe Nase und den rötlichen Schnurrbart. Längst hatte er sich damit abgefunden – ja, es war ihm kaum jemals eingefallen, darüber empört zu sein, daß andern Menschen kein Bein fehlte. Aber die körperliche Unversehrtheit dieses einen Herrn verdroß Andreas. Es war ihm, als machte er jetzt erst die Entdeckung, daß er ein Krüppel und die andern Menschen gesund waren.
Dem Herrn Arnold gegenüber stand eine große Dame. Sie trug über ihrem Jäckchen eine kleine Pelerine und hielt die Hände hoch über der Brust. Sie hatte ein gelbes, langes Gesicht, einen Kneifer und eine verschwindend kleine Nase mit trockenen Nasenlöchern. Sie sah einem gilbenden Schilfrohr ähnlich.
Zu ihr sprach plötzlich Herr Arnold: »Diese Invaliden sind gefährliche Simulanten. Ich war gerade jetzt in ihrer Versammlung. Alle natürlich Bolschewiken. Ein Redner gab Anleitungen. Die Blinden sind nicht blind, die Lahmen sind gar nicht lahm. Alles Schwindel.«
Die dünne Dame nickte und versuchte zu lächeln. Es war, als drückte jemand ihr Angesicht schmerzlich, wie man Zitronen zu pressen pflegt. »Auch die Einbeinigen«, fuhr Herr Arnold fort, »sind nicht einbeinig. Man macht das ganz einfach – so!« Und Arnold hob einen Fuß und wollte zeigen, wie man ein halbes Bein verbergen kann.
Da schrie plötzlich Andreas: »Sie Fettbauch, Sie!«
Er wußte nicht, wie er zu diesem Schrei gekommen war. Denn er hatte in seinem ganzen Leben nicht so laut geschrien, und er hätte sich vor fünf Minuten noch nicht vorstellen können, daß er einen fremden Herrn so angreifen würde. Ein unerklärlicher Haß vergewaltigte Andreas. Vielleicht hatte er lange in ihm geruht, verhüllt von Demut und Frömmigkeit.
Herr Arnold hob die Hand. »Sie Schwindler, Simulant, Sie Bolschewik, Sie!« schrie Arnold, und einige Passanten stürzten aus dem Wagen auf die Plattform.
Es waren im Wagen zum Unglück kleine Bürger und Frauen, Menschen, die, durch die Ereignisse der Revolution verschüchtert, gedrückt, aber nicht minder erbittert, einen zähen Kampf gegen die Gegenwart führten, mit zusammengebissenen Zähnen und würgenden Tränen im Halse rückwärts sahen, in die strahlende Vergangenheit ihres Landes, und denen das Wort Bolschewik nichts anderes bedeutete als Raubmörder. Es war ihnen, als hätte vorn ein Mitglied ihrer Familie um Hilfe gerufen, als es den Schrei: Bolschewik! ausstieß.
»Ein Simulant! Ein Bolschewik! Ein Russe! Ein Spion!« riefen einige Stimmen durcheinander.
Und ein würdiger Herr, der im Innern des Wagens sitzenblieb, in einem Winterrock von erhabener Sauberkeit und glänzendem Alter, sagte vor sich hin: »Es wird ein Jude sein!«
Andreas hatte seinen Stock erhoben, halb, um sich im Falle eines Angriffs zu wehren, aber auch, um anzugreifen. Der Schaffner kam, verschloß sorgfältig seine Geldtasche, weil er aus Erfahrung wußte, daß bei jedem Gedränge Diebe waren, und mischte sich in die aufgeregte Passagiergruppe auf der Plattform. Die Bahn fuhr gerade durch eine lange, stille Straße, in der es wenig Haltestellen gab. Der Schaffner versuchte, die Leute in das Innere des Wagens zurückzuschicken. Er überlegte einen Augenblick, wer von den beiden wohl recht haben mochte, und er entsann sich eines Zeitungsartikels, aus dem zu erfahren war, daß die Simulanten geriebene Kerle seien und daß man durch Bettelei unter Umständen viele Tausende im Tag verdiene. Er wußte noch genau, wie er nach der Lektüre empört war über die Unverschämtheit der Bettler und ihre hohen Einnahmen, die er mit seinem eigenen Hungergehalt verglich. Außerdem gemahnte ihn das Angesicht und die Statur des schreienden Herrn von ferne an einen vorgesetzten Magistratsbeamten, den er einmal flüchtig gesehen hatte. Gleichzeitig erinnerte er sich an das Unglück eines Kollegen, der einen Herrn in der Bahn grob behandelt und infolgedessen seinen Posten verloren hatte. Der Herr war nämlich ein Magistratsbeamter gewesen. Alle diese Erwägungen veranlaßten den Schaffner, Andreas Pum um eine Legitimation zu fragen.
In jeder anderen Situation hätte Andreas mit Genugtuung seine Lizenz gezeigt, wie er es ja oft vor Polizisten tun mußte, um seine Berechtigung, zu spielen und auf einer Krücke zu humpeln, anstandslos zu beweisen. Jetzt aber wollte Andreas nicht. Erstens war ein Schaffner kein Polizeiorgan, zweitens dünkte er sich selbst mehr als ein Schaffner, und drittens hätte man den Herrn zuerst um eine Legitimation fragen müssen. Und während Andreas zögerte, glaubte der Kondukteur, daß ihn der simulierende Invalide zum besten halte. Deshalb schrie er: »Also wird's?!«
So hatte noch kein Schaffner mit Andreas gesprochen. Er sagte also: »Von Ihnen lasse ich mir nichts vorschreiben!«
»Dann verlassen Sie den Wagen!« befahl der Beamte.
»Und wenn ich nicht will?« gab Andreas zurück.
»Verlassen Sie sofort den Wagen!« schrie der Schaffner, und seine Nase lief blau an. Zugleich blies er zweimal in seine Trompete, so daß der Motorführer mit einem gewaltsamen Ruck die Bahn zum Stehen brachte.
»Ich gehe nicht!« erklärte Andreas.
Der Schaffner faßte Andreas beim Arm. Herr Arnold schickte sich an, den zweiten Arm seines Gegners zu ergreifen. Da schlug Andreas mit der Krücke seines Stocks blindlings los. Er sah nichts mehr. Runde Flammen kreisten vor seinen Augen. Er traf das Ohr des Herrn Arnold und die Mütze des Beamten. Die Frauen flüchteten ins Innere des Wagens. Auf der Straße sammelten sich die Leute an. Unter ihnen wuchs plötzlich, wie ein Fakirwunder, ein Polizist hervor. Er zerteilte mit beiden Armen die Menge, wie ein Schwimmer die Wellen. Er landete auf dem Trittbrett und befahl: »Kommen Sie herunter!«
Andreas beruhigte sich langsam, als er den Mann des Gesetzes sah, dem er sich kraft seiner Lizenz, seiner Weltanschauung und seines Ordens verwandt fühlte. In der sicheren Annahme, daß er sich jetzt endlich unter dem Schutze der Gerechtigkeit befinde, sagte er zum Polizisten: »Holen Sie erst den da runter!« – und zeigte auf Herrn Arnold.
Dadurch hatte Andreas jede Sympathie der Polizei von vornherein verwirkt. Denn der Mann, der sich der größten Autorität der Straßenmenge erfreut, liebt es nicht, untergeordneten Menschen – und untergeordnet sind alle Menschen – zu gehorchen, auch wenn sie tausendmal recht haben sollten. Der Polizist erwiderte:
»Sie haben mir nichts zu befehlen! Im Namen des Gesetzes! Kommen Sie runter!«
Während der Polizist »im Namen des Gesetzes« sagte, wurden alle Beteiligten und Neugierigen von einem kühlen Schauder erfaßt. Andreas sah im Geiste ein Kruzifix zwischen zwei brennenden Kerzen und das bleiche Antlitz eines Richters mit einem Barett. Er kam ohne weiteres auf die Straße.
»Ihre Legitimation«, sagte die Polizei.
Andreas zeigte seine Lizenz. Hierauf vernahm der Polizist den Schaffner. Dieser schien die Ursachen der großen Aufregung gar nicht zu kennen. Er verschwieg die Vorgeschichte. Für ihn begann der Vorfall erst in dem Moment interessant zu werden, in dem Andreas sich geweigert hatte, seinen wohlberechtigten Anordnungen Folge zu leisten. »Ich kenn ja meine Vorschrift«, schloß der Schaffner seinen Bericht.
In diesem Augenblick rief der Herr Arnold herunter: »Das ist ein Bolschewik, den hab ich in der Invalidenversammlung hetzen gehört!«
»Lügner!« schrie Andreas und erhob noch einmal seinen Stock. Aber der Polizist fuhr ihm an die Kehle. Schmerz und Haß raubten Andreas die Besinnung. Er schlug den Polizisten. Zwei Männer aus dem Publikum entrissen ihm den Stock. Dann sank er auf das Pflaster.
Der Beamte hob ihn mit einem Ruck wieder in die Höhe, ordnete die Uniform, steckte die Lizenz in das Notizbuch und dieses in die Tasche und entfernte sich.
Der Wagen fuhr weiter, die Menschen zerstreuten sich.
Andreas humpelte nach Hause.
Er wütete noch immer. Er schämte sich. Er war schmerzlich enttäuscht. Daß ihm so etwas geschehen mußte! Ihm, Andreas Pum, den die Regierung ausgezeichnet hatte! Er besaß eine Lizenz, er hatte ein Bein verloren und ein Kreuz bekommen. Er war ein Kämpfer, ein Soldat!
Plötzlich erinnerte er sich, daß er die Lizenz ja gar nicht mehr hatte. Er war auf einmal ein Lebender ohne Recht zu leben. Er war gar nichts mehr! Als wenn er aus einem Schiff in den großen Ozean geworfen wäre, so begann seine Seele die verzweifelten Anstrengungen eines Ertrinkenden zu machen, wenn er mit seinem Leierkasten ausging.
Er kam nach Hause, er erzählte alles seiner Frau. Unterwegs hatte eine leise Hoffnung durch sein aufgeregtes Gemüt geklungen, eine Hoffnung auf die Klugheit, die Güte, die Liebe seiner Frau. Aber während er ihr erzählte, wurde es um ihn kalt und kälter. Sie sagte nichts. Sie stand vor ihm, die Hände in den breiten Hüften, ein Schlüsselbund hing wie eine Waffe an ihrer linken Seite, und Teig klebte an ihren Fingern. Er sah ihr Gesicht nicht, er konnte nicht feststellen, welchen Eindruck seine Rede machte. Er glaubte zu fühlen, daß sie ein bißchen spöttisch auf ihn heruntersah.
Er warf von unten einen scheuen Blick zu ihr hinauf und glich in diesem Augenblick einem Hund, der Prügel erwartet. Dann aber veränderte sich sein Angesicht, denn er erschrak. Plötzlich war es ihm, als stünde vor ihm ein fremdes Weib, das er nicht kannte und das fürchterlich war. Zum erstenmal machte Andreas die Entdeckung, daß ein menschliches Angesicht ganz anders aussehen kann, wenn man es von unten betrachtet. Er sah zuerst das fettwülstige Kinn seiner Frau und unmittelbar darüber, so, als hätte ihr Antlitz Mund und Lippen verloren, die breiten Nasenlöcher, die sich abwechselnd blähten und schlaff wurden und aus denen ein peinlicher und schwüler Hauch blies, der merkwürdigerweise an Wildgeruch erinnerte. Ein leises Stöhnen schien aus dem Innern der Frau zu kommen, wie ein wollüstiger und sehnsüchtiger Laut, der in dem hungrigen Rachen der Raubtiere entsteht, wenn sie Beute erblicken.
Andreas fürchtete sich vor seiner Frau.
Er brach mitten in der Erzählung ab. Katharina rückte einen Schritt von ihm weg, und ihm schien es, als schrumpfte er zusammen und würde klein, ganz klein, und sähe vor sich seine Frau, nur wie man einen riesigen Kirchturm mehr ahnt als sieht, wenn man sich sehr nahe vor ihm befindet.
Ihre Brüste hoben und senkten sich, und sie schnaufte mit den Nüstern. So rang sie einige Sekunden lang nach Luft und einem treffenden Wort. Endlich hatte sie es gefunden!
»Elender Krüppel!« kreischte sie.
Andreas wurde blaß. Mitten in einem großen Ozean schwamm er. Er klammerte sich an seinen Sitz wie an eine rettende Planke. Von ferne, durch Nebel und gleichsam untertauchend, hatte er noch Zeit, das Angesicht der kleinen Anna zu erblicken, die neugierig im Zimmer stand.
Frau Katharina schien alles vergessen zu haben. Sie sah ihren Mann nicht und nicht ihr Kind. Sie hatte offenbar vergessen, daß Nachbarn lebten. Sie fuhr mit der rechten Hand durch die Luft und streifte eine Blumenvase aus bemaltem Gips, die mitten auf dem Tisch gestanden hatte. Das Wasser rann aus und gurgelte leise und plinkte in einzelnen wehmütigen Tropfen vom Rand der Wachstuchdecke auf den Boden. Um so besser! dachte Katharina. Das fließende Wasser verdoppelte ihren Zorn.
»Das ist der Dank, daß ich dich aufgenommen habe«, schrie sie. »Gehst herum und lebst von meiner Hände Arbeit, ja, von meiner Hände Arbeit, und fängst dir Streit mit fremden Herren an und verlierst deine Lizenz. Bist du ganz verrückt geworden? Zehn gesunde Männer an jedem Finger hätte ich haben können statt deiner, statt eines elenden Mannes, der einem kein Schutz ist und keine Freude und jetzt auch noch eine Schande. Man wird dich einsperren, bei Wasser und Brot wirst du sitzen, und ich muß deinen Namen tragen. Pfui! Pfui! Pfui!«
Und dreimal spuckte Frau Katharina aus. Einmal traf sie die Hose ihres Mannes. Andreas wischte den Speichel seiner Frau mit zitterndem Handrücken weg.
Dann erst wandte sich Katharina den häuslichen Angelegenheiten zu. Sie warf sich auf die Knie und begann, mit einem quietschenden Fetzen den Boden aufzuwischen. Dazwischen schrie sie: »Ännchen, stell die Vase auf!« und: »tummel dich!« und: »schöne Bescherung!« und: »so ein Krüppel.«
Sie wütete scheuernd gegen die längst getrockneten und gelblich glänzenden Dielenbretter. Sie fuhr mit den Nägeln zwischen die einzelnen Bretter in die Fugen und wirbelte und spritzte kleine Erdklümpchen auf. Trotz ihrer angestrengten Tätigkeit konnte sie denken und sogar in Wehmut schwelgen. Auf dem Boden ausgestreckt und ihn, wie zur Strafe, bearbeitend, dachte sie traurig an ihr verpfuschtes Leben. Ach, sie dachte an den schmucken, schlanken Unterinspektor der Polizei, Vinzenz Topp, den sie eines Krüppels wegen ausgeschlagen hatte. Oh, wo waren ihre Augen gewesen?!
Schnell erhob sie sich. Schnell löste sie ihr geschürztes Kleid, warf sie das Schlüsselbund auf den Tisch, ergriff sie einen Kamm, stellte sich vor den Spiegel und ordnete ihre Haare.
Dann schlug sie die Tür ins Schloß und rannte den Korridor entlang zu der Wohnung des Klempners Faßbend, bei dem der Unterinspektor ein möbliertes Kabinett innehatte.
Vinzenz Topp hatte in der letzten Nacht Dienst gehabt. Jetzt war er gerade im Begriff, sich zu rasieren. Mit einem halb eingeseiften Angesicht lief er zur Tür.
»Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie, ich bitte vielmals um Entschuldigung!« sagte Vinzenz Topp, während er die Frau Katharina in sein Zimmer führte. Die Familie Faßbend war für zwei Tage aufs Land gefahren zu der Kindstaufe eines landwirtschaftlichen Onkels. Vinzenz Topp ließ Frau Katharina niedersitzen und bat, sich rasieren zu dürfen. Die Höflichkeit war seine zweite Natur, man hätte ihn mitten in der Nacht wecken können, und er wäre höflich gewesen.
Frau Katharina war gekommen, um juristischen Rat zu erbitten. Sie hatte zu ihm Vertrauen wie zu einem Rechtsanwalt. Sehr schnell und mit jener präzisen Sachlichkeit, die sie vor ihren Geschlechtsgenossinnen auszeichnete, erzählte sie den ganzen Vorfall.
Vinzenz Topp kniff die Unterlippe ein, um sein wundrasiertes Kinn mit dem Stein einzureiben. Dann streute er wohlriechenden Puder auf sein Angesicht. Hierauf nahm er den Uniformrock von der Stuhllehne und schlüpfte in ihn sorgfältig, wobei seine Knochen knackten. Jetzt erst war er fähig, eine Auskunft zu erteilen.
Ach, es war nicht das erstemal, daß sich Leute – »Laien«, wie er sie nannte – an ihn um Rat und Auskunft gewandt hatten. Er wußte manches aus seiner Praxis. Dieser Fall schien ihm sehr verwickelt.
»Das ist bewaffneter Widerstand gegen die Staatsgewalt und übrigens Amtsehrenbeleidigung. Ihr Herr Gemahl« – Vinzenz sagte immer »Herr Gemahl«, denn er war ein besserer Mensch – »kann froh sein, wenn er mit einer Polizeistrafe davonkommt. Wahrscheinlich wird sich auch das Gericht mit der Sache beschäftigen.«
Katharina breitete ihre Arme aus, stützte sie auf den Tisch und ließ den Kopf auf die Platte sinken. Nach einer Weile wurde ihr Schluchzen hörbar. Ihre Arme lagen rosig, rundlich und verlockend da.
Vinzenz Topp legte seine duftende Hand auf einen dieser Arme. »Trösten Sie sich!« sagte er. Dann ging er zur Tür und schob für alle Fälle den Riegel vor.
Katharina erhob ihr tränenüberströmtes Antlitz. Sie wußte selbst nicht, ob sie um ihren Mann weinte oder um Vinzenz Topp. Er war so schön mit seinem weißgepuderten Kinn und seinem noblen Toiletteseifengeruch. Seine Uniform saß wie angegossen. Oh, wo waren ihre Augen gewesen?
Sie verglich. Sie konnte nicht anders.
»Retten Sie mich!« schluchzte sie plötzlich auf und breitete ihre Arme aus. Vinzenz ließ sich in sie fallen.
So kam er endlich zu dem Genuß dieser Frau, die er lange und insgeheim ersehnt hatte. Es war eine freundliche Fügung des Schicksals.
Er vergaß nicht, schwere Beschuldigungen gegen Andreas zu häufen, den er nicht mehr »Herr Gemahl« nannte. Auch der Frau Katharina machte er sanfte Vorwürfe. Aber alles sprach er in einem zärtlichen, überlegenen Schäkerton, wie ihn Katharina noch niemals vernommen hatte.
Als sie seine Wohnung verließ, war es später Abend. Sie roch nach seiner Seife, und sie trug freudig seine Atmosphäre mit sich herum. Man kann sagen, daß sie an diesem Abend vollkommen glücklich war.

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